Die Weihnachtsessen-Geschichte

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von graphitto, 17. Dezember 2004.

  1. graphitto

    graphitto Wanderer

    Schon als Kind war Weihnachten für mich untrennbar mit unserem Weihnachtsessen verbunden. Nicht wegen der Menge oder den vielen süßen Sachen, nein das familiäre Weihnachtsessen war immer etwas Besonderes. Denn dieses spezielle Gericht wird in meiner Familie heute noch ausschließlich zu Weihnachten gekocht und verzehrt. Das Rezept ist viele Generationen alt. Meine Mutter hat es von ihrer Mutter, diese von ihrer Mutter usw. usw. Es ist nicht mehr nachvollziehbar, wann es zum ersten Mal gekocht wurde, aber den Erzählungen meiner mütterlichen Vorfahren zufolge gab es zu Weihnachten nie etwas anderes als schlesische Weißwürstchen in dunkler Biersoße und dazu Sauerkraut und Salzkartoffeln. Abgeschlossen wird das ganze mit einem Obstsalat aus Orangen, Äpfeln, Rosinen und Nüssen.

    Nun muss man nicht glauben, das schlesische Weißwürstchen etwa der bayerischen Weißwurscht oder gar den sonst verbreiteten Bratwürsten ähneln würden. Nein! Sie schmecken roh schon ganz anders und gekocht erst recht. Denn sie werden in der Biersoße gekocht und bekommen dadurch einen unnachahmlichen Geschmack. Genau jenen Geschmack eben, der sich für mich seit Kindertagen mit Weihnachten verbindet.

    Viele Geschichten sind mit diesem Essen verbunden, die spannendste ist für mich die Geschichte der Würstchenbeschaffung. Denn selbstredend kann man nicht einfach irgendwo zu einem Metzger oder in einen Supermarkt gehen und dieses seltene Produkt höchster Fleischerkunst erwerben. Das wäre auch zu einfach. Aber zurück zur Geschichte.
    Solange meine Familie in Breslau beheimatet war, gab es kein Beschaffungsproblem. Das änderte sich, als meine Familie durch Krieg und Flucht ins Sächsische verschlagen wurde. In den Nachkriegsjahren war an unser traditionelles Weihnachtsessen nicht zu denken, schon ganz normale Würste zu beschaffen war äußerst schwierig, geschweige denn diese besondere Sorte.
    Die Situation änderte sich als meine Eltern Anfang der fünfziger Jahre ins deutsch-polnisch-tschechische Dreiländereck zogen, eine Gegend die früher zu Niederschlesien gerechnet wurde. Dort gab es einen Fleischer der nach einem geheimen Rezept eben zu Weihnachten genau unsere traditionelle Familienköstlichkeit herstellte. Meine Mutter erzählt noch heute gern die Geschichte, wie sie Anfang Dezember sämtliche Fleischereien der Kleinstadt abklapperte und schließlich, fast zuletzt, eben jenen einen Fleischermeister fand, der das Rezept nicht nur kannte, sondern selbst auch herstellte. Das er ursprünglich aus Breslau stammte war dann schon fast logisch.

    Für die nächsten zwanzig Jahre war nun die Tradition wiederhergestellt und gesichert. Dann aber, gegen Ende der Siebziger zogen wir ins Preußische um. Der Umzug fand Ende September statt und ich erinnere mich genau, das eine meiner ersten Fragen an meine Mutter lautete: »Mutti, aber zu Weihnachten gibts doch weiße Würschtl?« »Ja, natürlich.«, beruhigte mich meine Mutter aber das war einfacher gesagt als getan. Denn obwohl unsere neue Heimatstadt wesentlich größer war und auch mehr Fleischerläden hatte, war natürlich kein einziger zu finden, der unsere Wünsche hätte befriedigen können. Keiner? Doch, einen Fleischermeister gab es, welcher meinte, er würde uns diese Würstchen herstellen können. Was dann allerdings zu Weihnachten auf den Tisch kam, war die größte weihnachtliche Enttäuschung, die ich je erlebt habe. Die Dinger waren dick wie Bratwürste (unsere schlesischen haben die Form von Wiener Würstchen), rochen wir Bratwürste und schmeckten auch so. Scheußlich. Da nutzte auch das neue Fahrrad nichts, Weihnachten ohne die richtigen Würste war im Eimer und ich machte mir höllische Sorgen um die Zukunft.
    Glücklicherweise ging es meinen Eltern ebenso, daher verfielen sie auf die Idee, über meine Tante, die nach wie vor im Niederschlesischen wohnte, die Weihnachtswürstchen zu beschaffen. Und tatsächlich klappte dies. Zwei Wochen vor Weihnachten fuhr mein Vater zu unserer Tante und kam mit einem großem, herrlich duftenden Paket zurück. Das Paket verschwand anschließend im Tiefkühler und zu Weihnachten hatten wir es wieder einmal geschafft.
    Seitdem fahren jedes Jahr kurz vor Weihnachten ein bis zwei Familienmitglieder 250 km nach Z. und kehren mit wertvoller Fracht heim.
    Einen Schreck versetzte uns Anfang der neunziger Jahre allerdings die Nachricht vom Tod des alten Fleischermeisters. Sein Sohn hatte das Geschäft übernommen, aber würde er auch unser Weihnachtsessen weiterhin sichern? Das zu klären war meinem Vater so wichtig, das er es nicht bei einem Anruf beließ, sondern persönlich zur Beerdigung fuhr und mit der uns alle erlösenden Nachricht zurückkam.

    Und heute? Heute wohne ich am Rhein und wäre normalerweise von jeglicher Weihnachtswürstchenfreude Hunderte von Kilometern entfernt. Normalerweise, denn natürlich habe ich dafür gesorgt, das nach dem großen Paket bei meinen Eltern ein kleineres bei mir und meiner Frau ankommt. Und tausend Kilometer Reiseroute sind für ein richtig gutes Weihnachtsfest nun wirklich nicht zu wenig.

    Warum ich euch das erzähle? Nun, heute mittag klingelte der Postbote an unserer Tür. Und was er brachte steigert meine Weihnachtsvorfreude erheblich.
     
  2. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Schöne Geschichte. Was wäre der Mensch ohne Erinnerungen. :schneuzfresse:
     
  3. graphitto

    graphitto Wanderer

    Danke MMF. Ich würde dich ja glatt zum Würstchenessen einladen, aber wir sind schon zu dritt. ;)

    gruß
     
  4. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Und sonntags, nicht nur an Weihnachten, backte Oma in zwei riesigen Blechen Apfelstrudel. Da saß die ganze Familie nebst Tanten, Onkels und Cousinen in der winzigen und hoffnungslos überheizten Küche beisamen, palaverte und mampfte, als gäbe es morgen nichts mehr zu essen. :embar:
     
  5. p.i.t.

    p.i.t. Ural-Silber

    wirklich sehr schöne story. gibts da auch fotos von der auspackzeremonie?

    unsere weihnachtsfeste hab ich leider in schlechter erinnerung (angepannte stimmung, gestresste mutter, enttäuschte erwartungen, familienkrach – das ganze programm). bin deswegen vielleicht etwas weihnachtsscheu - freu mich immer wenns vorbei ist.
     
  6. donald105

    donald105 New Member

    was seh ich da auf deinem zähler?
    :party:
    countdown.....:D
     
  7. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Tut wohl, deine Geschichte, graphitto. :)
     
  8. graphitto

    graphitto Wanderer

    Das soll sie auch. Schließlich ist Weihnachten doch etwas mehr als Kaufen und Strom verpulvern.

    gruß
     
  9. donald105

    donald105 New Member

    @graphitto:

    schöne geschichte.
    In meiner familie (auch ausm deitschen asten) gibt's an heiligabend auch immer streng evangelisches abendessen: würstchen mit kartoffelsalat.
    Nun ess ich sowas nicht mehr. Das ist einerseits dämlich, weil ich als einzige das traditionsessen nicht teile; es hat aber auch sein gutes:
    allen anderen ist nachher schlecht!
    (Jedenfalls behaupten sie es immer, und dann gibt es einen schnaps.)
    :D :party:
     
  10. graphitto

    graphitto Wanderer

    Ja, das kenne ich auch noch. Ist aber schon ziemlich lange her.

    gruß
     
  11. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Lieber donald,
     
  12. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

  13. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

  14. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

  15. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Ohhhh! :embar:

    :D
     
  16. graphitto

    graphitto Wanderer

    Den wollte mir meine erste Frau auch immer unterjubeln. hab mich aber standhaft gewehrt. ;)

    Ich glaube auch, das das Schlechtsein in erster Linie mit dem Schnaps zu tun hat. Mir ist nach unserm Essen noch nir schlecht geworden, aber ein guter Whiskey hinterher fördert die Verdauung ungemein. :rolleyes:

    gruß
     
  17. donald105

    donald105 New Member

    :D


    na????????????????????????????????????????
     
  18. donald105

    donald105 New Member

    APP-
    LLAAAAAAUUSS!
     
  19. graphitto

    graphitto Wanderer

    Na dann aber mal einen kräftigen

    TUSCH!!!

    gruß
     
  20. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Danke! :)

    Jetzt bin ich ja schon zum zweiten Mal gerührt in diesem Thread. :embar:
     

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