frEUROPA

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von macixus, 1. Mai 2004.

  1. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    "10 neue Familienmitglieder? Auch das noch... Als ob wir nicht schon genug Ärger hätten." So die überwiegende Volksmeinung in meiner Stammkneipe. Da ist Europa alles andere als Euphorie.

    Aber ganz allein war ich dann mit meiner Begeisterung über die Mitgliedschaft von 8 ehemaligen Warschauer Pakt Staaten und 2 Inseln doch nicht - es gab noch ein paar, die mit mir "auf die Neuen" angestoßen haben.

    Ich jedenfalls freue mich über die Erweiterung und darüber, von den baltischen Staaten im Norden bis nach Zypern im Süden reisen zu können und dabei alle durchquerten Staaten (mit der "Lücke" des ehem. Jugoslawiens) zum selben "Verein" gehören. Wobei sich dieser Verein über die vergangenen Jahrhunderte damit hervorgetan hat, sich wechselseitig abzuschlachten.

    Seit dem Mauerfall gab es m.E. in Europa kein so bahnbrechendes und tatsächlich "historisches" Ereignis wie den heutigen Beitritt der zehn neuen EU-Staaten!

    Leider trübt die "deutsche Depression" den Blick fürs Erfreuliche. Gefragt wird eher, ob die gesetzliche Krankenversicherung auch in den neuen Mitgliedstaaten Schutz bietet (ja, tut sie), statt danach zu fragen, welche Chancen ein "großes Europa" bietet.

    Unser Problem ist nicht die Osterweiterung - unser Problem ist der Zustand Deutschlands zum Zeitpunkt dieser Osterweiterung. Wir sind mit uns selbst unzufrieden. Und wer sich selbst nicht leiden kann, misstraut auch anderen und sieht das halbleere statt dem halbvollen Glas. Unsere Reformen reformieren nicht - sie verunsichern und vergrößern das Misstrauen gegen "die da oben". Wären wir noch die "Lokomotive" vor dem europäischen Zug, würden wir anders nach Osten schauen. Weil wir aber immer öfter weiter hinten und oft schon ganz hinten am Zug hängen, "ziehen" wir nicht mehr, sondern werden mehr und mehr "gezogen" und hoffen, nicht ganz abgekoppelt zu werden und zurück zu bleiben, während der Zug ohne uns weiter- und davonrauscht.

    Die Stimmung bei den "Neuen" ist anders - und ansteckend (auf mich jedenfalls)! Das, was per Bildschirm "rüberkam", war der Wille, so schnell wie möglich aufzuholen und auch zu überholen. Die jungen Leute dort sind im positven Sinn "hungrig" und wissen das zu schätzen, was uns schon allzu selbstverständlich und manchmal schon fast überdrüssig ist - sowas wie Freiheit, Wissen, Forschen, Entdecken, Schaffen.

    Erstaunlich, wie viele Osteuropäer Englisch sowieso, aber auch deutsch und französisch sprechen können - und das weitgehend fließend. Und ihr Blick aufs eigene Land geht immer (!) über den eigenen Tellerrand hinaus: wo stehen wir in Europa? wo in der Welt? Fragt das bei uns noch jemand???

    In den Beitrittsstaaten wird eine Zuversicht und Tatkraft laut und deutlich, die uns längst schon abhanden gekommen ist. Was ich mir wünsche? Das wir ein bisschen so werden wie die Neuen.

    frEuropa! :)
     
  2. Produo

    Produo New Member

    JAU,

    aber bitte mit weniger Büro- äh - Eurokratie, wenn's geht.
     
  3. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Ich mag Europa, ich hab' Europa immer gemocht.
     
  4. Rotweinfreund

    Rotweinfreund + Jevers Liebhaber

    … mal sehen!
    Den Politikern und Jublern nach zu urteilen, werden alle nur gewinnen und Gewinn machen!
    Sprich: man bekommt mehr als man einsetzt.

    Fakten: vor zwei Tagen kam bei uns im Regionalfernsehen ein Bericht über einen polnischen Bauarbeiter, der hier schwarz auf einer Baustelle arbeitet. Dieser Mann ist in Polen selbständiger Fliesenleger und beschäftigt bei sich einen Letten, der unter poln. Tarif arbeitet.

    Für unsere Band sind sämtliche Sommerbespielungen an der Ostsee verloren gegangen.
    Vor Spielzeitende wird es wahrscheinlich einen Haustarifvertrag geben, der es in sich hat; zusätzlich also Verschlechterungen, die 10 Tage unbezahlten Urlaub schon bedeuten.

    Für mich stand nie die Frage, ob ein Glas halb leer oder halb voll sei: es ist in jedem Fall immer zu wenig drin!

    :schwachgrins:
     
  5. Rotweinfreund

    Rotweinfreund + Jevers Liebhaber

    … diese Zarte, Süsse, Holde…
     
  6. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Und jetzt? Haste dich erstmal wieder hingelegt?!? :D

    Mit ist vollkommen klar, dass meine Begeisterung nicht jedes Einzelschicksal berücksichtigen kann. Und du bist sicherlich nicht der einzige, bei dem die Nachteile die Vorteile überwiegen. Aber ob eine resignative "Haltung" Besserungen herbeiführt? Und eine "Insel der Seligen" waren wir schon vor der Osterweiterung lange nicht mehr und die Rückkehr auf diese Insel (wenn es sie denn ja gab) wird nicht mehr möglich sein.

    Das war mein aufbauender Beitrag zum Tag der Arbeit. :party:
     
  7. Macci

    Macci ausgewandert.

    ähem...

    ja, auch ich mach mir Sorgen...
    Letzte Woche haben wir erfahren, dass in der Stiftung Weimarer Klassik 15% der Belegschaft entlassen wird. Betroffen: Aufsicht (wird ausgelagert für 4,32€ brutto pro Stunde) Fotowerkstatt und Restaurierung (ersatzlos gestrichen)
    Ja, gerade Polen hat gute Fachleute in diesen Gebieten, aber wo bleibt die Nachwuchsförderung für Deutschland?
    Den Restauratoren wurde übrigens vorgeschlagen, sich sebstständig zu machen...:rolleyes:
    Ja, Polen hat hervorragende Fachleute auf diesem Gebiet...

    Aber die Erweiterung bringt ansonsten natürlich mehr Stabilität für Europa, mehr Druck auf Putin (der schon drauf wartet...) und leichtere Schmuggelzugänge für Drogen etc...

    Sorry für diese Negativhaltung, aber Schwarzarbeitern und Illegalen ist das alles sowieso egal...
     
  8. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Die guten Restaurateure hatte Polen auch schon vor der Mitgliedschaft. Und auch schon vor dem EU-Beitritt haben die hier gearbeitet - ich sehe da den unmittelbaren Zusammenhang nicht. Und die Nachwuchsförderung ist nicht nur in diesem Bereich bei uns beklagenswert - auch da ist die Osterweiterung "nicht schuld".

    Schmuggel und Drogen einfacher? Warum?
     
  9. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    Das Fernsehen kann schon besoffen machen.

    -
    Solange wir Japan nicht an Bord haben wird das nix mit der EU.
     
  10. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Und was ist mit Uruguay?!?
     
  11. Rotweinfreund

    Rotweinfreund + Jevers Liebhaber

    … man kann sich auch als Patient sehen, dem in einer Not-OP eine Organtransplantation in der Gewissheit verabreicht wird, es gäbe keine Abstoss-Reaktionen.
     
  12. Macci

    Macci ausgewandert.

    Ja, das trifft es.

    @macixus: ja, die Experten gab es, aber es wurden hier nicht aufgrund der Hoffnung günstigerer Angebote Leute in die Selbständigkeit entlassen. Du kennst die Ausschreibungsbestimmungen des öffentlichen Dienstes?

    :angry:
     
  13. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Ja.

    Sie spiegeln die Interessen der Steuerzahler wieder, die möglichst wenig Steuergelder für viel Leistung ausgeben wollen. Geiz ist auch im öffentlichen Dienst/Auftragsvergabe geil. Leitmotiv: sparen! Koste es, was es wolle...

    Aber auch das war vor der Osterweiterung schon der Fall.
     
  14. ks23

    ks23 Ohne Lobby

    Vorallem das Europaparlament :D

    Gruss
    Kalle

    P.S. Es lebe Lohndumping ;(
     
  15. ks23

    ks23 Ohne Lobby

    Ein Vorteil hat die EU wenigstens, Schmiergelder fließen jetzt noch besser...

    1984 wir kommen :sabber:

    Gruss
    Kalle
     
  16. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Was mir persönlich zumindest ebenso wichtig ist wie leichteres Reisen und Wirtschaften: die endgültige Versöhnung mit früheren Kriegsgegnern und das gemeinsame Bekenntnis zu einem friedvollen Europa.

    Die "Dauerwerkstatt" EU ist mit ihrer Integrationspolitik, so bin ich sicher, auf dem richtigen Weg zu einem dauerhaften Frieden in Europa.

    Ein zweiter, ebenfalls sehr wichtiger Punkt: Europa beginnt, sich zunehmend von den USA, quasi als Gegengewicht in der Welt-Waagschale, zu emanzipieren.

    Die Staaten und Völker werden aber noch lernen müssen, ihre nationalen mit europäischen Interessen in Einklang zu bringen. Dafür braucht`s noch Zeit und Geduld.

    Natürlich hat die Osterweiterung wie jeder dramatische Wandel auch Verlierer. Zum Beispiel werden Menschen Arbeitsplätze verlieren, andere hingegen einen neuen finden.

    Dennoch meine ich: Die Vorteile überwiegen die Nachteile. Ich nehme sie als Preis für ein friedliches und vereintes, starkes Europa in Kauf.

    Darum freue auch ich mich über die neuen Nachbarn, von den erhofften Impulsen ihrer hochmotivierten jüngeren Gesellschaften (vgl. unsere Wirtschaftswunderjahre) auf unsere etwas selbstmitleidig gewordene Diva Germania ganz zu schweigen. :)
     
  17. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Und zur Feier des Tages gibt`s auch gleich mal einen runderneuerten macixus. :klimper:
     
  18. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Ah, gibt's hier also neben Convenant doch noch einen (1) unter den HEULropäern, mit dem ich anstoßen kann. :)

    Europa beginnt, sich zunehmend von den USA, quasi als Gegengewicht in der Welt-Waagschale, zu emanzipieren.

    Das mit dem Gegengewicht wird noch dauern - so an die mehrere Jahrzehnte, denke ich. Dabei ist es wirtschaftlich schon heute ein ernst zu nehmender "Gegner" äh "Partner" und dieses Gewicht wird weiter und rasch zunehmen. Was Europa jedoch fehlt und noch sehr lange fehlen wird, ist "Force Projection". Von daher wird es nicht groß wahrgenommen und erst recht nicht ernst genommen.

    Es fehlt weiterhin die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik. Und solange es die USA (und der Rest der Welt) mit "mehreren Europas" und nicht nur einem "alten" und einem "neuen" Europa zu tun hat, werden die USA (und andere) sich genau dies zunutze machen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Insofern wird sich die Waagschale des politischen und militärischen Gewichts noch lange Zeit auf Amerikas Seite senken und nicht auf der Seite Europas.

    Die Staaten und Völker werden aber noch lernen müssen, ihre nationalen mit europäischen Interessen in Einklang zu bringen. Dafür braucht`s noch Zeit und Geduld...

    ...und eine Vision. Sollen es dereinst die "Vereinigten Staaten von Europa" werden oder "Nationen in Europa"?

    Da denkt Blair anders als Chirac und der wieder anders als Schröder (und das wird auch nach jedem Regierungswechsel so bleiben - zumindest die nächsten Jahrzehnte). Wir Deutschen haben die Nachkriegsjahrzehnte davon geträumt, dass unsere Identität (wenn wir denn eine haben) in der europäischen Identität (wenn es die denn gibt) "aufgehen" möge. "Nation" war bis zur Wiedervereinigung ein "Un-Wort". Diesen Traum von einer europäischen Identität hat aber keiner außer den Deutschen selbst mitgeträumt.
     
  19. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Das meinte ich mit "Dauerwerkstatt". Dieses neue, alte Europa braucht zu seiner erfolgreichen Weiterentwicklung Zeit und Erfahrungen, gerade wegen der noch zu überbrückenden rechtlichen, kulturellen, politischen und sonstigen Gegensätze.

    Ich hoffe mal, dass durch die Osterweiterung und die Aufnahme weiterer Kandidaten in den kommenden Jahren eine gewisse Dynamik einsetzt, sodass auch eine gemeinsame Sicherheitspolitik leichter auf den Weg zu bringen ist. Bei alldem sagt mein Bauch: DAS KLAPPT. :)
     
  20. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Und ich dachte schon, am liebsten diskutierst du mit dir selbst. :D
     

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