G. Grass war bei der Waffen SS

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von BigBoogie, 11. August 2006.

  1. BigBoogie

    BigBoogie Gast

  2. maceddy

    maceddy New Member

  3. MacBelwinds

    MacBelwinds New Member

    Ausgerechnet die "Ikone der political correctness"... :rolleyes:
     
  4. macullli

    macullli New Member

    ist ja nur noch grass
     
  5. Singer

    Singer Active Member

    Er wurde nicht gezwungen. Seit er in der Öffentlichkeit steht, hat er nie verschwiegen, daß er damals freiwillig, eifrig und überzeugt mitgemacht hat und mitmarschiert ist. Er hat auch berichtet, der ganzen NS-Ideologie auf den Leim gegangen zu sein und erst dann die Realität akzeptiert zu haben, als sie nach Kriegsende von irgend so einem hohen HJ-Tier - also einer Autorität aus der braunen Zeit - bestätigt bzw. bekannt (im Sinne von "bekennen") wurde. Dies war ein Schlüsselerlebnis für seine bis heute formulierte Ablehnung jedweder Ideologie.
     
  6. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Doch ... von seinem Gewissen (s. Bericht). ;)

    Ansonsten steigert das offene Bekenntnis zu früheren Fehlern die Glaubwürdigkeit seines späteren Tuns eher, als dass es ihr schadet.
     
  7. pewe2000

    pewe2000 New Member

    Er war 17 als der Krieg zu Ende war. Von daher ist das für mich kein Thema.
    Wäre er zu diesem Zeitpunkt 25 gewesen, würde ich jetzt die Nase rümpfen.
     
  8. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Doch! Und wie! Das haben aber schon die Griechen gewußt. Enferne dich weit genug – und jede Tragödie wird zur Farce.
     
  9. Ghostuser

    Ghostuser Active Member

    Seid ihr eigentlich nie jung gewesen und habt Scheisse gebaut?


    Viele werden mit den Jahren nicht nur älter, sondern auch gescheiter. da soll man doch niemandem einen Strickdaraus drehen, dass er einmal Jugendsünden begangen hat.


    Gruss GU
     
  10. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Viele! Aber lang’ nich’ alle.

    *inspiegelguck*
     
  11. D3000

    D3000 New Member

    Man sollte wohl bedenken, dass Waffen SS etwas anderes war als die Hitlerjugend. Da musste man sich schon bemühen um Mitglied zu sein. Und 17 ist auch nicht zwölf. Wenn man das als Jugendsünde a la Äpfel klauen oder Hasch rauchen bezeichnet ist das ziemlich schädlich.

    Wenn man Mord und Terror als "Jugendsünden" akzeptiert ists's jedoch ok…

    Und ob man Grass das verzeiht oder nicht, ist wieder eine andere Frage.
     
  12. D3000

    D3000 New Member

    Aber wahrscheinlich wurden in der Nachbarschaft von den Grassens einfach sehr viele Hitlerwitze gemacht, da ist es ja kein Wunder dass er sich dazu hingezogen fühlte…
     
  13. BigBoogie

    BigBoogie Gast

  14. HirnKastl

    HirnKastl Alt-68er

    Es ist eine menschliche Eigenschaft, nach Idealen zu suchen und diese auf andere Menschen (weniger auf sich selbst) zu projezieren. Wenn dann ein solches selbstgeschaffenes Idol einen dunklen Fleck in seiner Biografie aufweist, wird es gern verhöhnt, verurteilt und von dem Sockel gestoßen, auf das man es gehoben hat.
    Grass hat nach meinem Verständnis nie danach gestrebt, ein Idol zu sein. Er ist ein Mensch wie jeder andere und er hat fantastische Bücher geschrieben. Der Anspruch, der darin zum Ausdruck kommt, gilt auch dann, wenn Grass selbst sehr lange gebraucht hat, um ihm gerecht zu werden. Wie er diesen Prozess begründet, wie er die Schande schildert, die er angesichts dieses dunklen Flecks in seiner Biografie empfindet, erscheint mir glaubhaft und ehrlich. Eigentlich freue ich mich für ihn, dass er es schließlich doch noch geschafft hat.
    Daher kehre jeder vor seiner eigenen Tür.
     
  15. mmetz

    mmetz New Member

    Das stimmt leider nicht. Zum Ende des Krieges, als es keine Marine mehr gab, wurden diese einfach zur SS "überwiesen".

    Egal ob G. Grass dies nun feiwillig tat oder nicht, ich finde es leicht gesagt wenn man dann einfach sagt: "Der hätte sich ja weigern können!"
    Vor allem wenn man davon ausgeht, dass die Generaton des G. Grass nicht zum eigenständigen Denken erzogen wurde.

    Ich finde man muss da tiefer schauen. Nicht jeder in der SS war ein Verbrecher und nicht alle Opfer der Erziehung etc. Die Frage ist für mich nicht, ob jemand in der SS war oder nicht, sondern was hat er dort gemacht?

    Die meisten aus diesen späten Jahrgängen waren nichts andere als "normale" Soldaten. (wie immer man auch dazu wieder stehen kann)

    Grüße
    Michael
     
  16. Malcolm_X

    Malcolm_X New Member

    Jetzt hat eine profilierungssüchtige Meute wieder ein Opfer gefunden, und ein Folterbefürworter wie Wolffsohn gibt natürlich auch seinen Senf dazu. Aber was stört's die Eiche, wenn ein Schwein sich an ihr kratzt! Ich habe den folgenden Zeitzeugenbericht vor Jahren in einem Forum gefunden; die Hervorhebungen sind von mir – urteilt selbst.

    Es folgt die Ansprache, die Prof Dr. Klaus Dieter Bock bei diesem Klassentreffen hielt. Er war Schüler im Abiturjahrgang 1940/41 der Klassen 8a und 8b der Schillerschule in Weimar, der sich am 5. Oktober 1991 zu einem Klassentreffen in der alten Schulaula versammelte. Der Verfasser besuchte das Realgymnasium, die spätere „Schillerschule“, von 1933-1940 und war später Professor für Innere Medizin am Universitätsklinikum Essen.

    Von der Schulbank in den Krieg
    von Prof. Dr. Klaus Dieter Bock

    Es ist über ein halbes Jahrhundert her, fast auf den Tag genau 51 Jahre, daß die ersten von uns, manche noch nicht 18 Jahre alt, die Schule verließen, zum Reichsarbeitsdienst und wenige Wochen später zur Wehrmacht einrückten. Sicher ist es keine nachträgliche Beschönigung, wenn man feststellt, daß dies nicht gerade mit übergroßer Begeisterung geschah. Viele hatten sich zwar freiwillig gemeldet, aber die Gründe dafür waren aus damaliger Schülersicht durchaus begreiflich. Bei Einberufung aus der 8. Klasse entfiel die Abiturprüfung, das letzte Zwischenzeugnis galt als solche, und außerdem konnte man sich, damals sehr wichtig, die Waffengattung aussuchen. Wir waren zwar nicht besonders begeistert, aber natürlich auch weit davon entfernt, etwa Regimegegner zu sein. Bei den markigen Führerreden, die wir in der Aula anhörten, wurde einem manchmal bei den großen Worten und Visionen etwas mulmig, aber jugendlicher Leichtsinn und auch ein Schuß Abenteuerlust überspielten das vielleicht im tiefsten Inneren vorhandene dumpfe Gefühl einer unbestimmten Angst vor dem Eintritt in eine im Krieg befindliche Armee. Keiner hat aber wohl geahnt, daß wir Beteiligte und Betroffene einer Entwicklung werden würden, die, was die Zahl der Toten, das Ausmaß des Elends und der politischen Umwälzungen anlangt, den Ersten Weltkrieg weit übertraf und allenfalls noch mit dem 30jährigen Krieg vergleichbar ist. Unsere Generation ist nicht nur um die besten Jahre ihrer Jugend betrogen worden, sondern hat auch einen hohen Blutzoll entrichtet. Nichts macht das deutlicher als die kleine Zahl derer, die dieses Inferno überlebt haben, oft genug beschädigt, und die sich heute hier versammelt haben. Die Klasse 8a hatte zuletzt ca. 23, die Klasse 8b ca. 28 Schüler. Erlauben Sie mir, daß ich die Namen der Gefallenen und Vermißten sowie derjenigen, die nach dem Krieg verstorben sind, verlese. Die Liste ist wahrscheinlich unvollständig.
    (Es folgen die Namen von 32 vermißten bzw. gefallenen sowie von neun nach dem Krieg verstorbenen Schülern.)

    Liebe Freunde, wir gehören zu den letzten noch lebenden Zeitzeugen dieser dramatischen Geschichtsperiode. Unser Geschichtslehrer Paul Schlau hat uns wiederholt den Satz – ich glaube, er stammt von Ranke – eingeprägt: „Geschichte ist das, was war, und nicht das, was man möchte, daß es gewesen wäre“. Wie wir heute vermuten können, damals aber wohl nicht begriffen haben, war das als Spitze gegen mancherlei nationalsozialistische Geschichtsklitterung gemeint. Inzwischen ist es mit der Geschichtsklitterung unaufhörlich weitergegangen, im Osten wie im Westen. Da wurde und wird handfest gelogen, und, noch übler, geheuchelt. Die Sieger richteten die Besiegten, und wir Zeitzeugen wußten damals schon, und erst recht heute, nachdem soviel ans Licht gekommen ist, daß man leicht auch die Ankläger auf die Anklagebank hätte setzen können. Es ist müßig, die Millionen Toten gegeneinander aufzurechnen, und es ist nicht unsere Sache, wie die anderen mit ihren stalinistischen Morden, den zivilen Opfern des Luftkriegs, der allen Menschenrechten hohnsprechenden Vertreibung von Millionen Menschen zurechtkommen. Unsere Sache ist es aber, herauszufinden, wie es möglich war, daß ein altes Kulturvolk sich unaufhaltsam einem politischen Abenteurer wie Hitler ausliefern und, schlimmer noch, perfektionierten Massenmord zulassen konnte.

    Wenn Geschichte das ist, was war, so müssen wir als Zeitzeugen sagen, wie es zu unserer Zeit und an unserem Ort war; woanders war es vermutlich oftmals anders. Vergangenheitsbewältigung durch pathetische Schuldbekenntnisse nützt gar nichts; außerdem kann es immer nur individuelle Schuld, aber keine Kollektivschuld geben. Kollektivschuld und Kollektivstrafe sind ebenso unsittlich wie Sippenhaft. Genausowenig helfen veralbernde Darstellungen von Hitler als teppichbeißendem Narren à la Charly Chaplin weiter, sie verschleiern vielmehr das Problem und damit auch seine rationale Analyse. Natürlich können und wollen wir nicht die komplexen historischen Ursachenzusammenhänge darstellen, die ins Kaiserreich zurückreichen, zum Ersten Weltkrieg, dem unseligen Versailler Vertrag, zu der auch daraus resultierenden mißglückten Demokratie der Weimarer Republik, bis hin zu Hitler und zum Dritten Reich führten. Wir können nur unser kleines, örtlich und zeitlich begrenztes und natürlich auch subjektives Stück Wahrheit als Zeitzeugen beitragen.

    Die erste Frage lautet dann: Was haben wir gewußt, und was haben wir getan? Diese Formulierung ist etwas zu einfach, sie müßte lauten: Was haben wir an Unrecht selbst wahrgenommen oder von anderen erfahren, und, das gehört dazu, haben wir dies auch als Unrecht empfunden?
    Gerade das letzte ist ja hier und jetzt wieder besonders aktuell. Wer in ein geschlossenes politisches System hineingeboren wird und von Jugend auf nichts anderes kennt, wird auch die Gesetze eines solchen Systems, selbst wenn sie Außenstehenden oder im Nachhinein als Unrecht gelten, subjektiv nicht ohne weiteres als Unrecht erkennen, jedenfalls nicht in allen Fällen.
    Die nächste Frage lautet dann: Was hast Du getan, erkanntes Unrecht zu verhindern oder zu beseitigen, und auch hier folgen weitere Fragen: War dies überhaupt möglich, war es erfolgversprechend, und war es zumutbar? Ernst von Salomon hat es einmal so formuliert: Man stand vor der Alternative, feige oder dumm zu handeln; dumm, weil man sich oder seine Familie ins Unglück brachte, ohne etwas zu verändern. Der kategorische Imperativ ist in solcher Situation nicht immer eine brauchbare Entscheidungshilfe. Auf alle diese Fragen muß jeder seine persönliche Antwort finden. Ich möchte hier nur auf einige allgemeine Aspekte hinweisen.

    weiter geht's…
     

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  17. Malcolm_X

    Malcolm_X New Member

    hier…

    Gleichgeschaltete Information

    Der erste betrifft den Informationsstand. Wer in der heutigen Mediengesellschaft groß geworden ist, die Tag für Tag Informationen aus allen Teilen der Welt über Kriege, politische Ereignisse, fremde Lebensformen, Kulturen und Zivilisationen per Bild, Ton und Druck unzensiert frei Haus liefert, und überall hinreisen kann - der kann sich auch nicht annähernd vorstellen, wie beschränkt und dazu noch selektiv der Informationsstand in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in einer Provinzstadt wie Weimar war. Es gab eine lokale Zeitung, die ebenso wie einige überregionale Zeitungen, von denen ich allerdings nie eine gesehen habe, gleichgeschaltet, d.h. zentral gesteuert war. Von 1935/36 an verbreitete sich allmählich der Radioempfang, aber auch er beschränkte sich auf die ebenfalls gleichgeschalteten deutschen Sender. Der Empfang ausländischer Sender war mit schwerer Strafe bedroht, und wer dennoch heimlich BBC empfing, falls das sein Gerät überhaupt zuließ glaubte ohnehin nur wenig, denn deren Propaganda war zu plump. Die öffentlichen Bibliotheken wurden „gesäubert“, und selbst die medizinische Literatur blieb nicht verschont: In der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg brachen die Jahrgänge anglo-amerikanischer und französischer medizinischer Zeitschriften 1934 (!) ab, weil ein neuer linientreuer Klinikchef meinte, die deutsche Wissenschaft brauche die ausländische nicht. Reisen ins Ausland waren die große Ausnahme. Ich war z.B. nur einmal für einen Tag mit meinen Eltern im Ausland, und das in Österreich vor dem Anschluß. Meine Mutter erzählte ihr Leben lang von ihrer bis dahin einzigen Auslandsreise, einer dreitägigen Schiffsreise nach Kopenhagen. Dieser hochgradige und dazu selektive Mangel an Informationen hatte erhebliche Defizite zur Folge: in der Kenntnis der Meinung anderer, auch über uns, über alternative politische Systeme und natürlich auch in der Wahrnehmung und erst recht in der Erkennung von Unrecht.
    Zweifellos war das Informationsdefizit in den Großstädten, insbesondere in Berlin, wesentlich geringer, und ebenso bei einer kleinen Schicht von Intellektuellen, von Industriellen, Bankern, Kaufleuten und Wissenschaftlern. Aber unsere Weimarer Situation war wohl weitgehend repräsentativ für die Provinz und das flache Land im ganzen Reich. Man muß hinzufügen, daß es selbst heute, im Zeitalter der Informationsüberflutung durch die Medien, solche sich auf das politische und menschliche Verhalten auswirkenden Informationsdefizite noch gibt, etwa in der weiten russischen Provinz, in vielen Entwicklungsländern und sogar in einsameren Regionen der USA oder Kanadas. Nicht zuletzt ist die erhebliche Bedeutung des West-Fernsehens für die Wende in der DDR ein Beleg für den enormen Einfluß solcher Medien auf das politische Verhalten einer Bevölkerung. icher war der Informationsstand auch in der Generation unserer Eltern und Lehrer höher als bei uns Jungen. Aber aus Furcht, kritische Äußerungen könnten durch Leichtsinn der Kinder oder in der Schule durch Denunziation öffentlich werden, mit unter Umständen drastischen Konsequenzen, gab es Tabus, über die mit uns wenig gesprochen wurde. Man mag dies verurteilen, aber ich hüte mich, den Stab über die Väter zu brechen. Auch sie waren Produkte ihrer Erziehung und ihrer eigenen geschichtlichen Erfahrung: Erster Weltkrieg, Hunger, Inflation, wirtschaftliche Depression, Arbeitslosigkeit. Und auch für sie stellte sich die Frage: Was konnte man tun, und war dies zumutbar?

    Aber wahr ist auch: Viele waren wenigstens am Anfang im großen und ganzen mit der politischen Entwicklung und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufbruch einverstanden und verdrängten Unrecht nach dem Motto: „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“, oder einfach auch, weil sie es eben nicht besser wußten. Das ist nicht als Entschuldigung gemeint, sondern ein Teilaspekt bei der Beantwortung der Frage: Wie konnte das geschehen? Wer durch Erziehung, Umwelt und sonstige Informationen nicht erfahren hat, was eine Demokratie, was ein Rechtsstaat ist, wer keine Vergleiche hat, erkennt auch nicht die vielen kleinen Unrechtsschritte, die zum Verhängnis führen; er kann mangels Vergleich nicht auswählen, nicht entscheiden. Eindeutiges Unrecht, z.B. Mord, wurde sehr wohl als Unrecht angesehen und verurteilt: und wurde aus diesem Grunde von den Verantwortlichen auch möglichst geheimgehalten. Wir Jungen wußten z.B., daß in Buchenwald ein KZ war, ohne allerdings zu ahnen, was sich dort abspielte. Ich erinnere mich deutlich an ein Gespräch unter uns jungen Soldaten im Juli 1941 im Südabschnitt der Ostfront. Wir hatten gerüchteweise und zum ersten Mal gehört, daß im rückwärtigen Heeresgebiet von SS-Verfügungstruppen Juden zusammengetrieben und erschossen worden seien. Wir waren erst ungläubig, hielten es aber doch für möglich, und waren innerlich entsetzt – das zeigte die Diskussion: Was würdest du machen, wenn du zu so etwas kommandiert würdest? In die Luft schießen, krank melden, Befehl verweigern, aber was machen sie dann mit dir? Zum Glück kam es nie dazu, die Führung des Heeres hat uns das erspart - aber wem fällt da nicht Kohls Wort von der „Gnade der späten Geburt“ ein, für das er so beschimpft wird?

    Einfluß der Erziehung

    Der zweite Aspekt ist eigentlich trivial, aber er ist mir erst so recht nach der Lektüre von Stefan Heyms Buch „Nachruf“ bewußt geworden. Wenn man diese Lebensgeschichte liest, wird einem klar, daß wir die tiefgreifende Prägung durch unsere Geburt in eine bestimmte Zeit, in eine bestimmte Familie hinein, durch eine bestimmte gesellschaftliche und politische Umwelt und Erziehung niemals mehr ganz verleugnen können. Heym konnte durch seine sehr frühen Kontakte zum Marxismus-Kommunismus und seine Erfahrung mit dem Antisemitismus gar nicht anders werden, als er geworden ist; genau das gleiche gilt natürlich für uns alle. Heym blieb ein marxistischer Sozialist selbst nach seinen Demütigungen durch die tschechischen und russischen Kommunisten, die ihn nach dem Krieg nicht haben wollten. Seine Äußerungen bei der Wende zeigten, daß er bis heute nicht begriffen hat, daß die politische, menschliche und wirtschaftliche Katastrophe des marxistischen Sozialismus nicht schlecht verwirklichter Kommunismus, sozusagen ein stalinistischer Betriebsunfall, sondern systemimmanent war. Die Diktatur der Partei des Proletariats führt eben zur Diktatur mit allen Konsequenzen; die generelle Enteignung der Produktionsmittel führt in die wirtschaftliche Katastrophe, und diese beiden grundlegenden Doktrinen beruhen auf einem Menschenbild das völlig wirklichkeitsfremd ist. Und hier sind wir nun an dem Punkt, an dem wir sagen müssen: Wir sind zwar alle hineingeboren in eine Zeit und in ein bestimmtes Milieu und dadurch geprägt für unser Leben. Unsere Erziehung sollte aber so beschaffen sein, daß sie uns in die Lage versetzt, uns später geistig aus den Fesseln der uns anerzogenen Denkschemata zu lösen, um frei zu entscheiden, z.B. welche politische Richtung oder auch welche Religion – in die wir ja auch hineingeboren werden – wir wählen. Eine solche Emanzipation von den Denkmustern und Vorurteilen unserer eigenen Erziehung ist sicher nicht leicht, und sie gelingt nicht allen, siehe Heym. Sie hat auch nichts zu tun mit der Infragestellung der uns hoffentlich auch anerzogenen ethischen und moralischen Maßstäbe. Sie kann nur im Schulsystem einer freien Demokratie gebahnt werden, aber selbst hier sehen wir, daß Ideologen, wenn sie in Ministerämter gelangen, das Schulsystem nicht nur wie seit eh und je hin und her reformieren, sondern auch versuchen, die Bildungsinhalte entsprechend ihren politischen oder persönlichen Vorstellungen zu manipulieren.

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  18. Malcolm_X

    Malcolm_X New Member

    hier…

    Unsere Lehrer

    Damit komme ich nun zum dritten und letzten Aspekt, der Schule, unserer Schule. Blicken wir zurück auf unsere Lehrer. Da waren feine ältere Herren, Philologen, von denen nicht alle unseren Frechheiten gewachsen waren; wofür ich mich heute schäme. Da waren einige martialische, forsche Typen, zwar ebenfalls Philologen, aber eher von einfacherer Struktur, die Disziplin mit drastischen Mitteln durchsetzten. Da waren Kumpel, und es gab auch einen, den wir, wie unsere Abiturzeitung ausweist, schon damals für einen Schwachkopf hielten und der zudem noch ein alter Nazi war. Unser Biologielehrer brachte uns didaktisch hervorragend die noch heute gültigen Vererbungsgesetze, aber auch den Unsinn der Rassenlehre bei. Wir mochten ihn gern, zumal wir nicht bemerkt hatten, daß letzteres Unsinn war. Soviel ich weiß, gab es keine Widerstandkämpfer unter den Lehrern, wohl aber bei einigen spürbare politische Reserve. Bei anderen war braunes politisches Engagement bekannt, ohne daß wir, von der Rassenlehre und einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, in besonderem Maße politisch indoktriniert worden wären. Wir hatten einen Halbjuden in der Klasse; an irgendeine Diskriminierung durch die Schüler oder die Lehrer kann ich mich nicht erinnern, er war sogar einer der führenden Autoren unserer Abiturzeitung. In der Abiturzeitung sind wir übrigens nicht nur mit dem eben erwähnten braunen Schwachkopf, der später stellvertretender Direktor wurde, wenig zimperlich, um nicht zu sagen gemein, umgegangen, sondern auch mit einigen anderen, die das gewiß nicht verdient hatten. Immerhin hat dieser Direktor im Gegensatz zu den anderen nachträglich den Beweis für seine Borniertheit geliefert, indem er wegen dieser Abiturzeitung versucht hat, uns, die wir längst Soldaten waren, die Auslieferung des Abiturzeugnisses zu verweigern, was nur durch eine Intervention der mitbetroffenen Eltern beim Ministerium verhindert werden konnte. Was hat uns die Schule gegeben? Das sogenannte Bildungsgut, das uns vermittelt wurde, war quantitativ unzureichend und lückenhaft, vor allem wenn ich es damit vergleiche, was meinem Sohn 30 Jahre später am humanistischen Gymnasium in Basel geboten wurde, freilich mit wesentlich längeren Unterrichtszeiten. Bei uns fiel ja der Unterricht aus allen möglichen Anlässen aus, Sport nahm unverhältnismäßig viel Zeit in Anspruch. In den letzten Schuljahren begann die Schule uns Spaß zu machen, wir hatten echtes Interesse. Als wir 1939 zur Erntehilfe auf die Dörfer kommandiert werden sollten, ist unsere Klasse in einem Protestmarsch durch die Stadt zum Arbeitsamt gezogen, was seinen Niederschlag in einem Vermerk in meinem Zeugnis fand. Wir waren aufsässig, wie sich das für dieses Alter gehört, mokierten uns über die aufgeputzten braunen Würdenträger und ihre Grußrituale, über manche unsäglichen Formulierungen in den Reden des Gauleiters, aber natürlich immer nur gerade soweit, daß es nicht gefährlich werden konnte. Hier zeigte sich jugendlicher intellektueller Hochmut, aber auch beginnende politische Skepsis, die bei mir später im Heer nach Durchlaufen der Offiziersschule mit ihrem erzkonservativen Lehrpersonal noch beträchtlich gesteigert wurde. Was wir aus heutiger Sicht uns von der Schule gewünscht hätten, ist sicher bei jedem von uns verschieden. Ich selbst hätte gerne mehr an sog. klassischer Bildung gehabt, mehr Latein, vielleicht auch Griechisch, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte und eine Einführung in die Philosophie. Auch habe ich in meinem Beruf wesentlich mehr an Mathematik gebraucht, als mir in der Schule vermittelt wurde, so daß Nachlernen nötig wurde. Das ist aber nicht schlimm, denn das Gymnasium soll ja keine Berufsschule, sondern eine allgemeinbildende Schule als Grundlage für alle Berufe sein. Daß wir in der Schule wie im Elternhaus zu Wahrheitsliebe, Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Verläßlichkeit und Ordnung erzogen worden sind, also zu alledem, was Herr Lafontaine als Sekundärtugenden abqualifiziert, müssen wir dankbar vermerken. Heute wissen wir, daß diese Sekundärtugenden für unseren Erfolg und das Zurechtfinden im Leben ebenso wichtig waren wie unser Wissen und Können, und daß keine Verwaltung, kein Betrieb keine Schule, keine Institution in dieser Gesellschaft funktionieren kann ohne einen Kern von Menschen mit diesen Tugenden. Im Ganzen, glaube ich, können wir unserer Schule, und das waren ja unsere Lehrer, dankbar sein. Sie waren Kinder ihrer Zeit mit all den Stärken und Schwächen, die wir Menschen nun einmal haben. Daß dies nicht nur eine Altersweisheit ist, sondern daß wir das schon damals gemerkt haben, soll Ihnen das Motto zeigen, das unserer Abiturzeitung voran stand:

    Die schöne Schulzeit ist nun fast vergangen,
    Wir haben lange nach dem Ziel gejagt,
    Und durch acht Jahre unsern Geist geplagt,
    Verstand und Bildung zu erlangen.

    Wir haben oft geschwebt in ängstlich Bangen,
    Und manche Tage unser Leid geklagt,
    Doch sehn wir heut, daß alles uns behagt,
    Womit wir viele Jahre schimpfend rangen.

    Aus der Erinnerung sind nicht entschwunden
    Der Schulzeit viele heitre, frohe Stunden,
    Und keiner einst sie missen mag

    Drum, Brüder, wollen wir die Gläser heben:
    Die Schüler und die Lehrer sollen leben!
    So soll es bleiben bis zum letzten Tag
     

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  19. D3000

    D3000 New Member

    Ja stimmt.
     
  20. pewe2000

    pewe2000 New Member

    Ein kluger Lehrer, wie man sie nicht allzuoft trifft. Klug über den zu vermittelnden Lehrstoff hinaus. Wie würde er wohl die Zeit beurteilen, die seit dieser Rede bis heute vergangen ist? Die für mich einen Rückschritt bedeutet, die Menschen aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes wieder die Köpfe in den Sand stecken läßt.
     

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