(Ge)Denkminuten...

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von macixus, 14. Juli 2005.

  1. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Erst kürzlich* hatte ich den Nachfahren von Sherlock Holms und Miss Marple viel Erfolg gewünscht - und jetzt weiß ich nicht, ob ich mich über den raschen Erfolg tatsächlich freuen kann, seitdem erwiesen zu sein scheint, dass die Attentäter selbst Briten waren.

    Auch in den aufgeklärten europäischen Gesellschaften gibt es seit einer Woche Selbstmordattentäter, die sich selbst ins Paradies, aber die Angehörigen der Opfer in die Hölle bomben.

    Was ist aus den simplen Klischees geworden, dass das Leben dieser Mörder vom "gerechten Kampf" gegen die Besatzer in Afghanistan, Palästina und Irak geprägt war?

    Der Terror kommt jetzt aus der Vorstadt und nicht aus dem Hindukusch. Die Täter waren Briten muslimischen Glaubens, die es mit oder ohne Pass nicht geschafft haben, "Europäer" zu werden. Schlimmer noch - sie wollten es vermutlich auch gar nicht. Damit ist eine neue Qualität der Terrorpest erreicht.

    Unser Bild vom fanatisierten Islamisten aus fernen Geisteswüsten passt nicht mehr in unseren Fernsehschirm: schon Mohammed Atta war Bafög-Empfänger in Hamburg und die jetzigen Attentäter waren die netten Jungs von nebenan.

    Keine Frage, Europa wird auch am Hindukusch verteidigt - was aber noch keine Antwort darauf gibt, wie wir uns in Hildesheim und Holzkirchen wehren können.



    Nein, ich will hier keine Diskussion anzetteln.
    Zwei stille (Ge)Denkminuten tun es möglicherweise besser.




    * http://www.macwelt.de/forum/showthread.php?t=660644
     
  2. donald105

    donald105 New Member

    Im rp-opinio (so eine art forum der rheinischen post, in dem über jeweils aktuelle artikel und ereignisse meinungen gepostet werden) berichtete eine muslima, wie vor discos, veranstaltungsorten und an plätzen, an denen viele junge muslime vermutet werden, islamistische einflüsterer indoktrinieren.
    So wie ich das verstanden habe, gibt es z.B. in unserer stadt genügend leute, die restlos genervt sind von der islamistischen propaganda.
    Und STAUN: nicht-moslems kriegen das gar nicht mit. Ich hab doch null ahnung, wer da vor türkischen treffpunkten rumlungert.
    Wenn aber der staatstreue (au mann - jetzt gehts aber los:) türkischstämmige - türkisch- und/oder deutsch-bepasste, jedenfalls muslimische oder so aussehende mitbürger (puh!) sich genervt fühlt; ABER NIX SAGT!!! dann stimmt doch was nicht.
    Ich mein: an mich europäisches blondine wird ja keiner rantreten. Ich würd ja auch wo hintreten. Nämlich vor den staatsanwalt. Wieso schaffen wir es nicht, dass muslimische leute, die sich von islamistischen werbern angeekelt fühlen, diese anzeigen?

    ich denk mal, da liegt der hase im pfeffer. Die leutz sind hier nicht angekommen. Klar. Viele wollen nicht so richtig. Aber es gibt auch welche die wollen. Wieso trauen die sich nicht?

    Und wieso blenden wir das aus? Wieso interessiert uns nicht, was unseren mitbürgern, die gerne mit uns möchten, passiert?

    mann, war das jetzt wieder langö.
     
  3. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Schon, aber auch lesenswert.

    Und die Fragen, die du stellst, stelle ich mir auch. "Gute" Antworten weiß ich allerdings (auch) keine - jedenfalls kann es nicht ausreichen, ein paar Schlapphüte in die Moscheen zu schicken und Videokameras auf Bahnhofsplätzen zu installieren...

    Es gilt, die "rechtschaffenen" Muslime als Unterstützer gegen den Terror zu gewinnen - aber wie macht man das?
     
  4. ughugh

    ughugh New Member

    "Nein, ich will hier keine Diskussion anzetteln."

    Oh, ok, ich hätte beinahe was gesagt.
     
  5. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    ugh, ich habe ein klein wenig genuschelt. "Keine Diskussion" meinte, keine terkil-Suppe aufquirlen.

    Bitte sag' was. :nicken:
     
  6. donald105

    donald105 New Member

    Damit haben wir hier die dealer vom bahnhofsvorplatz vertrieben.
    Sie sind jetzt woanders - schwer zu beobachten. VOR den kameras gabs zivilbullen und eine wesentlich höhere aufklärungsquote.
    Aber immerhin: der bahnhofplatz ist zwar immer noch hässlich, die taschendiebe sind noch da, aber die dealer sind weg. Und dealen woanders. Dafür wird jeder bürger aufgezeichnet. Aloha!
     
  7. Kate

    Kate New Member

    Die Leute trauen sich nicht sich gegen die Tradition zu stellen, da sie damit den Rückhalt ihres sozialen Umfeldes verlieren.

    Katholiken kennen das. Sag was gegen den Pfarrer, der von der Kanzel das Wahlverhalten der Schäfchen vorschreibt, und du hast das komplette Dorf, ausser den "Zugezogenen" gegen dich, egal wie sehr der Pope mit der Haushälterin "was hat" und egal wie gemein er die Ministranten schikaniert.
    Jetzt stell dir das Dorf noch eingebettet in eine fremde Kultur vor. Der Innendruck ist enorm, der Anpassungsdruck tödlich. Wer mit den "Fremden" geht ist auch ohne Fanatismus bereits ein Verräter und alleine. In so einem Umfeld, egal ob im Allgäu oder in Anatolien haben es die Irren besonders weit gebracht. Dünkel, und dessen Kehrseite, Minderwertigkeitskomplexe, befeuern das Festklammern an den Fesseln, die so weh tun, dass man's nicht aushält und den anderen das als Verantwortung zuschiebt.

    Terror kommt genausogut auch aus den gemütlichen Kreisen. Baader-Meinhof waren doch auch aus dem Spiessbürgermilieu, Pfarrerstöchter, Lehrersöhne, Eckensteher, Kesselflicker, Vorstandsvorsitzende. Und in was für eine selbstgestrickte Wahnwelt haben die sich verschwurbelt? Keinen Piep anders als Wahabitismus.

    Immer der gleiche Scheiss aus Auserwähltsein, "göttlicher" Berufung und der-Zweck-heiligt-die-Mittel Theorien. Und damit die sich nicht mal ab und an entspannen dürfen die noch nicht mal ein Bierchen trinken. So ein Schuss elitäre Selbstkasteiung muss schon sein auf dem Weg zum Held.
     
  8. sandretto

    sandretto Gast

    Unser Propaganda-Geschädigter hat mal wieder gesprochen.

    Scotland-Yard hat die Weisheit mit Löffeln gefressen, die netten Jungs von nebenan waren's. Dann noch ein paar schmalzige Gedenk-Pamphlete dazu gemixt, und fertig ist die "Wahrheit".

    Hoffnungsloser Fall.
     
  9. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Die einzige Chance sehe ich in einer verbesserten sozialen Integration. Wie schwierig diese allerdings ist, machen die von Kate beschriebenen Hindernisse auf der einen Seite und die Fremdenangst auf der anderen deutlich. Andere vorbeugende Möglichkeiten sehe ich aber nicht.
     
  10. donald105

    donald105 New Member

    Vertrauen. Anerkennung. Ich hab auch meine schwierigkeiten mit komplett schwarz verhüllten damen - *räusper* muss ich grad sagen - ich meine die restlos verschleierten. Die anderen fallen ja gar nicht auf.
    Neee - ich seh schon in der straba die blicke der >ureinwohner< auf die mädels mit den kopftüchern. Oder mit den zwirbelzöppen. Oder oder.
    Wenn ich so angeschaut würde, hätt ich auch keine lust, was zu erzählen.

    Oder als nachbarn. Meine bis-vor-kurzem-bürogenossin hat mich auch nach über einem jahr mietzeit hier in der straße überrascht, als sie sagte: >die türken da vom büdchen<. Das sind leute aus aserbeidschan, er ist ingenieur, intelligente und tolle leute, die sind aus politischen gründen geflüchtet und haben hier mit null wieder angefangen. Ich wusste das nach 2 wochen. Meine bürogenossin hat sich nicht interessiert und wusste es nach 15 monaten nicht, trotz täglichem kontakt. Fremdenangst. ich kann mir das nicht anders erklären.
     
  11. maiden

    maiden Lever duat us slav

    auch auf die Gefahr hin, daß man mir nun mangelndes Verständnis für die Opfer der Attentate in London vorwerfen oder mir mit allerlei anderen tumben Vorwürfen kommt, aber ich will mal sinngemäß die Meinung eines anderen Users (etwas abgeändert) wiedergeben. Sie erscheint mir überdenkenswert.
    .........
    Wann gibt es Gedenkminuten für die Opfer im Irak oder in Afrika? Oder jede Woche einen anderen Gedenktag. Einen für die Opfer von Landminen. Dann einen für Folteropfer. Den Mittwoch für die Mißbrauchten. Den Donnerstag für die Verhungerten. Den Freitag für die Opfer von Bürgerkriegen. Den Samstag für die Beschnittenen. Und den Sonntag für die Millionen von Aidsinfizierten ohne jede medizinische Hilfe.
    .........

    Wir bedauern und betrauern uns gerne. Dabei verlieren wir den Blick dafür, daß im Grunde, und so schlimm das in den letzten Tagen erlebte auch sein mag, jeden Tag überall hunderte, tausende Menschen schlichtweg elendig verrecken, ohne daß es uns auch nur im Ansatz juckt und ohne daß die Medien darüber in dramatischen Bildern berichten. Das verliert sich einfach aus unserem Blick. Und vor diesem Hintergrund empfinde nicht nur ich, das Geschehen der letzten Tage und von heute, als scheinheilig.

    Schlagt mich
     
  12. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Sehe ich auch so - und das ist nicht als Vorwurf zu verstehen, sondern ich habe volles Verständnis für dieses Verhalten. Aus den Erzählungen meiner Eltern kenne ich ein paar Stories von "zugezogenen Protestanten" in einem erzkatholischen Umfeld.

    Im Umkehrschluss bedeutet dies aber, dass wir keine Chance haben, die "Hirne und Herzen" von "abdriftenden" oder bereits "abgedrifteten" Muslimen zu erreichen. Oder verstehe ich dich da miss?
     
  13. Macci

    Macci ausgewandert.

    Nein. Aber angesichts von britischen Selbstmordattentätern wird die persönliche Bedrohung in Europa stärker. Und die scheinheiligen Argumente gegen ein Einwanderungsland Deutschland lauter. Beides trägt nicht zu meiner Beruhigung bei.
     
  14. donald105

    donald105 New Member

    Ne. Finde ich nicht scheinheilig. Finde ich gut. Nämlich vor dem hintergrund: WE ARE NOT AFRAID. Ihr schüchtert uns nicht ein. Euer anschlag hat leben gekostet, aber seinen zweck nicht erfüllt.

    Ich weiß, dass das jetzt zynisch ist, aber dann sollten wir auch noch einen tag einplanen für alle im haushalt und auf den straßen verunglückten. Das sind auch ne menge.
    Versteh mich nicht falsch: dass alle drei sekunden ein kind verhungert, ist ein drama. Aber auch dafür gibt es inzwischen eine organisation. Es gibt für fast alles eine organisation. Aber das elend hört nicht auf. Dennoch darf man nicht aufhören, das unrecht zu benennen. Aber willst du jeden tag dieselben news aus dem sudan? Die wären genauso wirkungsvoll wie monatliche news. Und die haben wir.
     
  15. donald105

    donald105 New Member

    Ich gehöre zu so einer familie. Während meine elterngeneration noch die flüchtlingspässe hütet und die grundbücher und eintragungen aufbewahrt,
    oma noch die kirmes und den karneval unflätig fand, hab ich diese aversionen nie verstanden.
    Es ist aber ein unterschied: ich spreche deutsch (klar), ich hab seh genauso aus wie die leute hier, und hab die regionale kultur von klein auf erlebt.
    Mein büdchen beispielsweise wird jetzt von einer bande deutsch-marokkanern betrieben. Junge männer - eine brüderschar. Die sind klasse! Sprechen wunderbar akzentfrei hochdeutsch, bei bedarf mit rheinischen einschlag und haben dieselben sorgen und unsitten wie unsereins. Die sind nämlich hier aufgewachsen. Das macht viel mehr spaß als die christliche, aber dauernd griechisch palavernde vorfamilie.
    Will sagen: abdriften wird immer nur der, der nicht anlegen kann.
     
  16. maiden

    maiden Lever duat us slav

    Ich will nicht darüber diskutieren, welche niederträchtigen Motive hinter den Anschlägen stecken oder welche Dramen sich in den Familien der Opfer abspielen. Denen gehört mein Mitgefühl, aber nicht mehr und nicht weniger als jedem anderen Opfer von Gewalt, Hunger, Verelendung usw. Auch die Art und Weise wie die Briten mit den Anschlägen umgehen verdient Respekt, keine Frage.

    Was mir nur nicht gefällt ist, daß wir uns selbst immer am meisten bemitleiden und betrauern und dabei die Relationen aus den Augen verlieren. Daß jeden Tag viele Menschen elend verrecken geht an und spurlos vorüber. Es erreicht uns gar nicht mehr, ist zur Nebensächlichkeit geworden.
     
  17. Kate

    Kate New Member

    Weiss nicht. Die suchen was anderes als was sie vorfinden.

    Meine Theorie: Moslems kommen meist aus einer Clan und Familienkultur, will sagen: viel sozialer Rückhalt, viel Nestwärme, viel "Networking", die "Onkel"-"regeln"-"das"-schon Welt, aber wenig Selbstentscheidung, viel "Du-machst-was-deine-Familie-will". Das kollidiert mit unserer Lebensweise ganz existenziell.

    Ich denk das gibt es auch sonstwo. Menschen brauchen beides, Sicherheit und Selbstbestimmung. Manche verkaufen letzteres für ersteres oder umgekehrt.
    Die, die das im Extremen tun, werden komisch...aus der "Sicherheit" der Gruppe das unterdrückte Ego den "anderen" um die Ohren bomben, oder aus der asozialen, beliebigen Freiheit heraus den anderen die eigene Einsamkeit um die Ohren bomben.

    Das ist jetzt schwer versimpelt. Könnte schon in etwa so sein...
     
  18. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Zunächst und zynisch: das Hemd ist mir näher als der Rock. Und es (be)trifft mich im wahrsten Sinne des Wortes weitaus mehr, wenn "Landsleute" mich im gemeinsamen Bus dem Paradies oder der Hölle entgegenbomben als das schon immer "anonyme" Leider "der hungernden Welt".

    Daneben frage ich mich in diesem Zusammenhang immer mehr, ob es tatsächlich nur die Schuld des "reichen" Westens ist, wenn der "arme" Süden darbt. Aber das wäre ein anderes Thema...
     
  19. donald105

    donald105 New Member

    Nein, nicht nebensächlich. Aber es wäre schier unerträglich, sich das jeden tag wieder in gänze vor augen zu halten. Wenn mir die butter im kühler fehlt, ist mir das auch dringender als ein verhungerndes kind im sudan. isso. Bei dir sicher auch. Und das muss so sein, sonst könnten wir den tag nicht überstehen.
    :)
     
  20. SC50

    SC50 New Member

    Sicherlich nicht, aber was soll uns das jetzt sagen?
    Das es in jeder Religion durchgeknallte Fundamentalisten gibt bedarf sicherlich keiner Diskussion, die Frage ist aber, was soll uns das sagen.
    Die Intention sich nur auf den Islam zu spezialisieren kann sich im Nachhinein als böser Fehler herausstellen. Die erste Atombombe wurde von einem christlich dominierten Land geworfen, die nächste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch.
    Aber wir sind ja die Guten.
     

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