gross und kleinschreibung...

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von joerch, 29. Mai 2004.

  1. joerch

    joerch New Member

    blickt da noch jemand durch ?

    Die Groß- und Kleinschreibung setzt sich aus mehreren Regeln zusammen:


    1. Adverbien: Zeitangaben


    Nach Adverbien wie heute, gestern, morgen etc. werden die Tageszeiten (morgen, mittag, abend) konventionell klein geschrieben, da Adverbien (anders als Adjektive) keine Substantive näher bestimmen können. Die genannten Tageszeiten sind also eindeutig ebenfalls Adverbien, die klein geschrieben werden müssen.
    _ _ Jetzt sollen die Tageszeiten – mit Ausnahme von früh – immer groß geschrieben werden, weil es auch den Morgen etc. gibt, und nach Wochentagen zudem zusammen. Wie aber soll man schreiben, wenn man nicht "am nächsten Samstagabend", sondern einfach "Samstagabend" kommen möchte? Sollte man das wirklich groß und zusammenschreiben?
    _ _ Die dekretierte vorsätzlich falsche Großschreibung von Adverbien ist nicht nur ein linguistisches bzw. grammatisches Problem, sondern auch ein Politikum: Ist im deutschsprachigen Europa wieder Raum für eine Politisierung bzw. (im übertragenen Sinne) "Arisierung" der Wissenschaft? Vor allem für den Deutschlehrer stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob er sich noch als Germanist und Pädagoge versteht und Ethos und Freiheit wissenschaftlicher Forschung und Lehre lebt und verteidigt, wie sie das Grundgesetz schützt – oder einfach als Propagandist der Kultuspolitik und -bürokratie.



    2. Adjektive und Partizipien


    Die angebliche Regel, daß substantivierte Adjektive und Partizipien nun groß zu schreiben seien, erweist sich als widersprüchlich und somit unlernbar:


    Regel: Als Nomen gebrauchte Adjektive und Partizipien werden groß geschrieben
    des Weiteren, des Öfteren, Verschiedenes zu tun haben ...

    Ausnahme: §_58 (3): in "festen Verbindungen" nach Präposition ohne Artikel klein
    bei weitem (nicht), seit kurzem, über kurz oder lang, durch dick und dünn, von fern, von klein auf ...

    Ausnahme v. d. Ausnahme: §_58 (3) E2: groß bei Substantivierungen auch ohne Präposition
    im Großen und Ganzen, in Folgendem, in Letzterem, auf Deutsch, in Grau, in Weiß liefern, für Jung & Alt ...

    Quasi-Ausnahme von der Ausnahme von der Ausnahme: als "feste Verbindungen" wieder klein
    grau in grau, schwarz auf weiß ...


    Großschreibungen nach Präpositionen mit eingebautem Artikel (im, beim etc.) erzeugen Irritationen, wenn man über die Bedeutung der zwangsweise substantivierten Adjektive nachdenkt bzw. diese wörtlich nimmt: Was soll denn in Beispielen wie im Großen und Ganzen 'der oder das Große' sein? Soll hier die Schreibung der Wörter von ihren Bedeutungen abgekoppelt werden – und dies auch noch ohne stringente Regel?
    _ _ Um es einmal in unlogischem "Reformdeutsch" zu schreiben: Was die Reformer an Regeln zum Besten geben, geschieht nicht zum Besten unserer Kinder. Am besten ignoriert man den ganzen Unsinn! Das amtliche Regelwerk versucht in § 58 (2) E1, diesen Unterschied plausibel zu machen:

    Superlative mit »am« gehören zur regulären Flexion des Adjektivs; »am« ist in diesen Fügungen nicht in »an dem« auflösbar. Beispiele:
    Dieser Weg ist steil – steiler – am steilsten. Dieser Stift schreibt fein – feiner – am feinsten.


    Sofort anschließend heißt es aber:

    In Anlehnung an diese Fügungen kann man auch feste adverbiale Wendungen mit »aufs« oder »auf das», die mit »Wie?« erfragt werden können, kleinschreiben, zum Beispiel:
    Sie hat uns aufs/auf das herzlichste begrüßt (Frage: Wie hat sie uns begrüßt?). Der Fall ließ sich aufs/auf das einfachste lösen.


    Hier läßt sich das aufs auflösen – aber was soll's, wenn sofort noch eine Ausnahme folgt:

    Superlative, nach denen mit »Woran?« (»An was?«) oder »Worauf?« (»Auf was?«) gefragt werden kann, schreibt man nach § 57(1) groß, zum Beispiel:
    Es fehlt ihnen am/an dem Nötigsten. (Frage: Woran fehlt es ihnen?) Wir sind aufs/auf das Beste angewiesen. (Frage: Worauf sind wir angewiesen?)


    Mit Sprachennamen wie Deutsch ist die Sachlage etwas kompliziert: Bislang wurde sich auf (gut) deutsch oder in deutsch ('in deutschem Wortlaut, im Klartext, unmißverständlich') unterhalten und ausgedrückt und zugleich in Deutsch und Englisch ('in den Sprachen Deutsch und Englisch') geschrieben und gesprochen. Der Unterschied ist nicht ganz einfach zu verstehen oder zu vermitteln. Die neue Regelung verlangt hier eine einheitliche Großschreibung nach Präpositionen (Verhältniswörtern) wie "auf", "in", "mit", "ohne" etc.
    _ _ Dafür könnte man aus präskriptiver Sicht noch Verständnis aufbringen, wenn dieses Prinzip allgemeine Gültigkeit hätte, also nicht nur auf Sprachennamen angewendet würde. Genau das ist aber weder zu begründen noch mit den den neuen, präskriptiven Regeln beabsichtigt. Aus wissenschaftlicher (deskriptiver) Sicht sollte man einfach beide Schreibweisen akzeptieren und dokumentieren, wohin der Trend geht.



    3. Zahlwörter


    Bisher soll zwischen der Rang- und der Reihenfolge unterschieden werden: der "dritte" in der Reihen- und der "Dritte" qualitativ in der Rangfolge. Jetzt soll nach dem Artikel (der · die · das) immer groß geschrieben werden. Nicht mehr die Bedeutung (Rang- oder Reihenfolge?) soll also künftig entscheiden, sondern nur noch die Form (Ordnungszahl nach Artikel). Damit geht ein Stück sprachlicher, genauer: schriftlicher Differenzierung verloren, denn hören kann man den großen ersten Buchstaben natürlich nicht.
    _ _ Bisher schreibt man normale Zahlen (Kardinalzahlen) nach Präpositionen (Verhältniswörtern) bzw. Artikeln groß: "mit Vierzig", "über Vierzig", "in die Fünfzig". Jetzt sollen solche Ausdrücke plötzlich klein geschrieben werden, was die Regeln oben konterkariert. Wer soll das verstehen?



    4. "Mal"


    Bisher kann man "das erste Mal" und "das erstemal" schreiben; nun soll nur noch die erste Variante mit großem "Mal" gültig sein. Dies ist eine der wenigen konsequenten Regeln der Reform, sie ist allerdings nicht wirklich notwendig, da die alte Regel ja tolerant genug war, zwei Schreibweisen zuzulassen, die Bewertung, was recht geschrieben sei, also der Schreibgemeinschaft überließ.



    5. Anredepronomen: Duzen · Siezen


    Der alte Duden empfiehlt unter R_71: Das Anredepronomen in Briefen wird groß geschrieben.
    Diese Regel gilt für alle Fürwörter der 2. Person in Singular und Plural und allen Fällen, also Du, Dich, Dir, Ihr, Euch, und ihre Possessivadjektive ('besitzanzeigenden Eigenschaftswörter', also Dein, Deine, Euer, Eure). Der Duden sagt:
    Liebe Silke,
    ich hoffe, daß es Dir und Euch allen gutgeht und daß Du Deine Ferien an der See angenehm verlebst ....
    Dasselbe gilt auch in feierlichen Aufrufen und Erlassen, Grabinschriften, Widmungen, Mitteilungen des Lehrers an einen Schüler unter Schularbeiten, auf Fragebogen, bei schriftlichen Prüfungsaufgaben usw.
    [...]
    Bei der Wiedergabe von Reden, Dialogen u.ä., in Protokollen, Prospekten, Lehrbüchern u.ä. wird jedoch klein geschrieben.
    Liebe Freunde! Ich habe euch heute zusammengerufen ... Lies die Sätze langsam vor. Wo machst du eine Pause?


    Welchen Grund hat diese Bestimmung – was unterscheidet Briefe, Aufrufe, Erlasse, Grabinschriften, Widmungen etc. einerseits und Reden, Protokolle, Lehrbücher etc. andererseits? Natürlich ist die Auswahl dieser Textsorten nicht willkürlich, sondern das Ergebnis (die Konkretisierung) einer zugrundeliegenden Regel, die zwei verschiedene Bedeutungen beschreibt und die der alte Duden leider nicht explizit nennt:
    _ _ Offensichtlich gelten die groß geschriebenen vertraulichen Anredepronomen (Du, Dich, Dir, Dein etc.) für die schriftliche Ansprache dem Schreiber persönlich bekannter Personen, klein geschriebene (du, dich, dir, dein etc.) hingegen für die schriftliche Wiedergabe mündlicher Anrede Dritter (Zitate in Reden, Dialogen etc.) und für die unpersönliche bzw. anonyme schriftliche Ansprache eines unbekannten Personenkreises.
    _ _ In der jahrzehntelangen Praxis wurde und wird allerdings auch in Zitaten meist die Großschreibung ("Du" etc.) verwendet, offenbar um den persönlichen Charakter der Anrede auch durch Dritte beizubehalten.
    _ _ Während also der natürliche Trend zur Großschreibung der Anredepronomen und -adjektive ging und geht, trat die Kleinschreibung in persönlicher Anrede (die dann eigentlich keine mehr ist) eher selten und dann meist als Folge einer Rechtschreibschwäche auf; erst neuerdings ist eine vorsätzliche Kleinschreibung und damit Herabwürdigung des Lesers als Ausdruck von Mitläufertum mit der "Schreibreform" zu beobachten.


    Hintergrund: Die genannte Regel bzw. Praxis basiert auf der Tatsache, daß es im Deutschen sowohl in der 2. wie in der 3. Person Personalpronomen bzw. Possessivadjektive der persönlichen Anrede gibt, deren Bedeutung nicht durch ihre Lautung, sondern durch ihre Schreibung und den situativen Kontext zum Ausdruck gebracht wird. Angegeben sind in der folgenden Tabelle jeweils die Grundform (Nominativ), die direkte und indirekte Objekt-Form (Akkusativ und Dativ), das reflexive (rückbezügliche) Pronomen, sofern es sich von der Dativ-Form unterscheidet, und die possessive bzw. besitzanzeigende Form (Genetiv). Die persönlichen Formen sind blau markiert:




    _
    Singular
    Plural

    2. Person
    du, dich, dir, dein
    ihr, euch, euch, euer (eure)

    Du, Dich, Dir, Dein(e)
    Ihr, Euch, Euch, Euer (Eure)

    3. Person
    er, ihn, ihm, sich, sein
    sie, sie, ihr, sich, ihr
    es, es, ihm, sich, sein
    man, einen, einem, sich, sein
    sie, sie, ihnen, sich, ihr(e)

    [Er, Ihn, Ihm, sich, Sein(e),
    Sie, Ihr, sich, Ihr(e)*]
    Sie, Sie, Ihnen, sich, Ihr(e)
    * veraltet

    _ _ Bemerkenswert ist zunächst, daß die Anrede auch in der dritten Person erfolgen kann, obwohl man doch in dieser eigentlich nur über eine oder mehrere Personen spricht, nicht mit ihr oder ihnen ("Gleich serviert er / servieren sie das Essen"). Noch auffälliger ist, daß ausgerechnet die Singular-Formen der Anrede der dritten Person ("Johann, serviere Er den ersten Gang!") heute nicht mehr gebräuchlich sind, so daß heute eine Person ebenso wie mehrere im Plural gesiezt werden ("Servieren Sie den ersten Gang!"), was die Distanz im Falle nur eines Adressaten noch erhöht (Pluralis majestatis).
    _ _ Der Unterschied zwischen der 2. und 3. Person besteht, wie jeder geübte Schreiber weiß, nicht zwischen unhöflicher und höflicher Anrede, sondern zwischen vertrauter und distanzierter – schließlich sind wir unseren Kindern und Freunden gegenüber nicht unhöflich, sondern zollen uns nahestehenden wie auch weniger vertrauten Menschen gleichermaßen Respekt und schreiben daher in beiden Fällen das Anredefürwort groß: "Du" und "Sie", "Dich" und "Sie", "Dir" und "Ihnen" und "Dein" und "Ihr" bzw. "Ihre"; nur das reflexive "sich" wird aus Tradition weiter klein geschrieben.
    _ _ Werden die 2. und 3. Person hingegen klein geschrieben, so ändert sich jeweils ihre Bedeutung: In der 2. Person ("du") wendet sich der Schreiber so an (übrigens mehrere) persönlich unbekannte, also anonyme Adressaten, und in der 3. Person Plural ("sie") schreibt er über andere, dritte Personen.
    _ _ Die anonyme Bedeutung des kleinen du verdeutlicht etwa das folgende authentische Beispiel, das der Autor in einer S-Bahn zum Flughafen Düsseldorf aufschnappen konnte: Eine Rucksack-Touristin erzählte einem Bekannten von ihrer letzten Skandinavien-Reise und einer bitterkalten Nacht im Thermoschlafsack und sagte dann: "Und als wir dann um fünf Uhr aufgestanden sind, konntest du am Horizont erst so einen hellen Streifen sehen und dann einen phantastischen Sonnenaufgang ..." Der Bekannte, der das hörte, war natürlich nicht mit auf dieser Reise gewesen, er war also mit dem du keineswegs persönlich gemeint; die Erzählerin hätte das du ebensogut durch ein man (und die 3. Person des Verbs) ersetzen können. Dieses unpersönliche du würde man auch in einem Brief klein schreiben!
    _ _ Der Unterschied zwischen der Groß- und Kleinschreibung der Personalpronomen und -adjektive in der 2. und 3. Person besteht also jeweils zwischen einem persönlichen und unpersönlichen bzw. anonymen Bezug zu den Adressaten. Er hängt nicht direkt von der Textsorte ab, wie die Formulierung der zitierten Duden-Regel vielleicht nahelegt, vielmehr ist die Textsorte jeweils nur Ausdruck des Anredecharakters.



    Die folgende Tabelle verdeutlicht noch einmal die komplexen Funktionen bzw. Bedeutungen der deutschen Anrede-Pronomen; sie nennt nur die Grundformen für eine und mehrere Personen: Das du ist das vertraute Gegenstück zum man, so wie das Du das vertraute Pendant zum Sie ist.
    _ _ Die (vom Manne abgeleitete) man-Form scheint allerdings etwas aus diesem Schema zu fallen: Einerseits ist sie kein klein geschriebenes Sie, sondern eine eigenständige Form. Andererseits wird sie als distanzierte Form der 3. Person (die ja in derselben Schreibung auch außerhalb von Anreden Verwendung findet) in so hohem Maße als unpersönlich empfunden, daß man statt man in Bedienungsanleitungen, Kochbüchern ("Man nehme ...") etc. häufig das eigentlich persönliche – und daher weiter groß geschriebene – Sie benutzt.




    Anrede-
    Pronomen
    persönlich
    unpersönlich,
    anonym

    vertraut
    Du · Ihr
    du · ihr

    distanziert
    Sie · Sie
    man · man



    Jetzt sollen die Duz-Formen plötzlich alle klein geschrieben werden – d._h. fast alle:

    Die Personalpronomen der 2. Person Singular wie Plural (Du, Dein, Dir, Dich; Ihr, Euer, Euch) sollen als solche alle klein geschrieben werden, ganz gleich, ob die Anrede anonym oder persönlich erfolgt.

    Stehen sie nach einer Präposition ("auf du und du"), ist jetzt groß zu schreiben: "auf Du und Du".

    Folgen sie hingegen einem Artikel, soll beides möglich sein: die Deinen & die Deinigen, weil sie nach einem Artikel stehen, und die deinen & die deinigen, obwohl sie nach einem Artikel stehen ...

    Schließlich bleibt auch die alte Obrigkeit vom kleinen Anredepronomen verschont. In §_65, E1 heißt es: "Großschreibung gilt auch für ältere Anredeformen wie: Habt Ihr es Euch überlegt, Fürst von Gallenstein? Johann, führe Er die Gäste herein.", und E2 ergänzt: "In Anreden wie Seine Majestät, Eure Exzellenz, Eure Magnifizenz schreibt man das Pronomen ebenfalls groß." Für Personen, die über dem einfachen Volk stehen, gelten also weiterhin Sondervorschriften, und selbst ihre Diener erfahren mit dem groß geschriebenen Er noch mehr Ehrung als der "Pöbel" ...



    Diese Regelungen zeigen, daß die "Reformer" die tatsächliche Bedeutung der Anredepronomen überhaupt nicht verstanden haben und ihre eigene Muttersprache nicht kennen. Die Duden-Redaktion schreibt auf ihrer Internet-Präsenz bezeichnenderweise unter der falschen Überschrift "Die Höflichkeitsgroßschreibung":
    "Bei Pronomen, die für Personen stehen, welche man duzt (= 2. Person Einzahl und Mehrzahl), musste man bisher unterscheiden: In Briefen und briefähnlichen Texten schrieb man groß, sonst klein. Damit war zum einen eine erhebliche Unsicherheitszone geschaffen. Gehören beispielsweise Anweisungen in Schulbüchern zu den briefähnlichen Texten oder nicht? Zum andern ist die Großschreibung gar nicht angemessen: Duzt man jemanden, so besteht kein Anlass, durch Großschreibung besondere Ehrerbietung zu bezeugen. Neu schreibt man daher nur noch klein: [...]"


    Um bestimmte Textsorten (Briefe, Erlasse etc., also formale Kriterien) oder "besondere Ehrerbietung" geht es jedoch, wie gesehen, überhaupt nicht, sondern um persönliche Anrede im Gegensatz zur unpersönlichen, anonymen – also um die Bedeutung des Pronomens. Die Aussage des Dudens, einem Duz-Freund gegenüber sei keine "besondere Ehrerbietung zu bezeugen", bedeutet im Umkehrschluß, ein Siez-Partner verdiene eine solche "besondere Ehrerbietung" durchaus. Welch ein Menschenbild offenbart sich da? Wenn Ehrerbietung überhaupt der richtige Begriff ist, dann als die ganz normale Ehrerbietung, mit der höfliche Menschen einander persönlich anschreiben – unabhängig von einer vertrauten oder distanzierten Form!


    Aus linguistischer Sicht ist folglich schon die Formulierung falsch, das Du, Dein etc. sei klein zu schreiben: Das persönliche Du kann, wie gesehen, in Wahrheit schriftlich gar nicht anders, nämlich in Kleinschreibung wiedergegeben werden — da es nur auf der schriftlichen (nicht lautlichen oder kontextuellen) Ausdrucksebene existiert und wahrgenommen wird, würde es durch Kleinschreibung völlig verschwinden, denn ein klein geschriebenes "du" mit anderer (unpersönlicher bzw. anonymer) Bedeutung gibt es ja schon! Die "Reform" versucht also nichts anderes, als das persönliche Du aus der deutschen Schriftsprache zu eliminieren, es zu verbieten. (Warum versucht der Staat eigentlich im Zuge vermehrter Großschreibung nicht umgekehrt, das unpersönliche du zu liquidieren? Und warum läßt man nicht per Erlaß z._B. Lerche als "Lärche" schreiben?)
    _ _ Wer sich diesem Verbot beugt und in persönlichem Anschreiben klein "duzt", schreibt also nicht etwa das persönliche, höfliche Du klein, sondern verwendet ein ganz anderes Wort, nämlich das unpersönliche und daher im persönlichen Kontext unhöfliche du, das einen anonymen Adressaten konnotiert! Der Empfänger eines solchen Schreiben hat nach der deutschen Schriftkonvention keinen Anlaß, sich angesprochen zu fühlen. Wer ihm/ihr nahestehende bzw. vertraute Menschen mit dem anonymen du brüskiert, müßte weniger vertraute Menschen konsequenterweise mit dem ebenso anonymen man statt Sie ansprechen.
    _ _ Entscheidend für Kommunikation ist bekanntlich nicht, was angeblich gemeint wird, sondern – wie die Textlinguistik lehrt – das, was beim Empfänger der Botschaft ankommt, was verstanden wird. Die Bedeutung eines Wortes wird in der Kindheit geprägt und gilt in der Regel lebenslang. Daher interpretieren gebildete Menschen z._B. ein großes "Gut" als 'Landgut' (oder eine Schulnote), ein kleines "gut" als Gegenteil von 'schlecht' und ein "Sie" anders als ein "sie" – und reagieren auf ein kleines du mindestens irritiert, wenn nicht beleidigt. Die Bedeutung eines Wortes (hier: du) per Erlaß ändern zu wollen, ist eine bestenfalls naive, schlimmstenfalls aber totalitäre, orwellsche¹ Vorstellung ( "Linguistik" und Rätselecke)



    Unklar ist, wie die Urheber der "Reform" glauben, ausgerechnet in einem so persönlichen Schreiben wie einem Brief an einen Duz-Freund Einfluß auf die Rechtschreibung auszuüben. Ist es nicht Privatsache jedes einzelnen Schreibers (und noch mehr seines Briefpartners), ob er in privaten Schriftstücken groß oder klein duzt? Und würde sich ein gebildeter, selbstbewußter Mensch dazu nötigen lassen, seine verstorbenen Eltern auf ihrem Grabstein mit kleinem du oder dein wie anonyme Fremde zu behandeln, also zu beleidigen?
    _ _ Problematisch wird die Kleinschreibung allerdings im innerbetrieblichen Schriftverkehr: Wer hier einem Arbeitskollegen per kleinem du den gebührenden Respekt verweigert, weil er Pöbeleien mit staatlicher Rückendeckung chic findet, braucht sich über eine entsprechende Reaktion (bzw. ausbleibende Reaktion auf sein Schreiben) nicht zu wundern: Nicht alle schreibkundigen Menschen lassen sich von ein paar Ministern und Auftragslinguisten und ihren unreifen Mitläufern Vorschriften in schlechtem Benehmen machen! Ermutigend ist, daß sich u._a. die deutschsprachigen Nachrichtenagenturen dieser Instinktlosigkeit widersetzt haben: In ihrem Beschluß vom 10.6.1999 stellten sie im Abschnitt "D. Groß- und Kleinschreibung" unter Punkt 9 fest:
    "Die vertraulichen Anredepronomen werden von den Agenturen weiterhin groß !!! geschrieben."
    _ _ Das kleine du ist somit die Erkennungsmarke vor allem einer willfährigen, unreflektierten Lehrerschaft und fanatischer Sprachmodernisten, und zwischen beiden Gruppen gibt es durchaus eine Überlappungszone.

    Für Reformeiferer, die mit diesen Ausführungen nicht klarkommen, hier eine pointierte Kurzfassung, die vielleicht das Verständnis doch noch ermöglicht: Man stelle sich vor, die Kultusministerkonferenz verfügte, daß ein anderer Anrede-Begriff, nämlich 'Herr', nicht mehr Groß-"H", "e" und Doppel-"r" zu schreiben sei, sondern Groß-"A", "r" und "sch"! Es hat sich ja – angeblich – nur die Schreibung geändert ...



    1 Gemeint ist der weltberühmte politische Roman 1984 von George Orwell, der ein totalitäres Regime, den Überwachungsstatt des "Big Brother" beschreibt. Ein Mittel der Unterdrückung und Manipulation ist "Newspeak", die 'Neusprache', deren Wörtern der Staat nach "Bedarf" neue Bedeutungen zuweist.




    6. Wortgruppen


    Die Klein- und Großschreibung in Wortgruppen ist aus drei Gründen unsinnig geregelt:

    Wortbedeutungen: Ob mir jemand Leid (an)tut oder mir schlicht leid tut, das soll künftig einerlei sein. Schlimmer noch: das (klein geschriebene) Adverb (das sich vom althochdeutschen leid = 'betrübend, widerwärtig' ableitet – vergleiche englisch loath) hat keineswegs genau dieselbe Bedeutung wie das (groß geschriebene) Substantiv, soll aber den Menschen untersagt werden und aus der deutschen Sprache verschwinden! Äußerungen in deutscher Sprache werden somit vorsätzlich entweder mehrdeutig gemacht oder gar verfälscht.


    Wortklassen (Grammatik): Hier spätestens ist sicherlich der Punkt erreicht, an dem sich jeder Erwachsene, der sich ein Sprach- und Selbstwertgefühl bewahrt hat, wehren muß: Wer ein Adverb meint, der darf sich nicht von überheblichen Bürokraten und totalitären Politikern vorschreiben lassen, stattdessen ein Substantiv zu schreiben und damit etwas anderes auszudrücken. Wer nicht mehr sagt, was er (sie) will, der riskiert, daß eines Tages die Frage nach seinem "letzten Willen" mit ein "Glas Wasser" beantwortet wird!
    _ _ Auch hier muß sich ein Pädagoge wieder zwischen Wissenschaft und Lehre einerseits und (falscher) Loyalität andererseits entscheiden: Wer im Grammatikunterricht ein Wort korrekt als Adverb definiert und dann seine Großschreibung anmahnt, wird auch sich selbst gegenüber unglaubwürdig! Konrad Duden selbst hat übrigens seinerzeit die grammatischen Verhältnisse eindeutig beschrieben:

    Bei Ausdrücken wie 'leid tun, not tun, weh tun, schuld sein, gram sein, mir ist angst, wohl, wehe, not' ist von selbst klar, daß das zum einfachen Verbum hinzugetretene Element nicht als Substantivum fungiert; man erkennt die nicht substantivische Natur jenes Zusatzes am besten durch Hinzufügung einer nähern Bestimmung. Man sagt 'er [...] hat ganz recht, hat vollständig unrecht' u. dgl. Die Anwendung von Adverbien, nicht von Adjektiven, zeigt, daß man einen verbalen Ausdruck, nicht ein Verb mit einem substantivischen Objekt vor sich hat. (Die Zukunftsorthographie. Leipzig, 1876)


    Konsistenz, Vermittelbarkeit: Entgegen aller Propaganda sind die Festlegungen der "Reformer" in sich widersprüchlich sind und daher in der Praxis nicht zuverlässig vermittelbar: Welcher Schüler wird wohl begreifen, warum ein Unternehmen erst Bankrott geht und anschließend bankrott ist?




    7. Empfehlung


    Zu Sprachennamen und zu Punkt 4 sollte man in Anpassung an den demokratischen Sprachgebrauch Toleranz walten lassen. Die übrigen Punkte – insbesondere 5 und 6 – sollte ein deskriptives Wörterbuch ebenso wie jeder deutschsprachige Mensch entschieden ablehnen.
     
  2. naklar

    naklar New Member

    aha...interessant :cool:
     
  3. mac-g4

    mac-g4 New Member

    Leider (LEIDER!) muß ich mich beruflich (Druck) der geistig armen neuen Rechtschreibung beugen, jedoch wird jedes private Schriftstück meinerseits ausschließlich nach der alten Rechtschreibung verfasst...

    Nichts gegen einwanderungswillige Drittstaaten-Asylbewerber und Legastheniker, aber dies ist ein

    AUFRUF ZUM BOYKOTT der "neuen" Rechtschreibung!!!



    ...ein enttäuschter mac-g4
     
  4. danilatore

    danilatore Moderatore Mitarbeiter

    der text ist mir eindeutig zu lang :tongue:
     
  5. joerch

    joerch New Member

    *weichei
     
  6. danilatore

    danilatore Moderatore Mitarbeiter

  7. maccie

    maccie New Member

    Jörg, hast Du den Text selbst verfasst?

    RESPEKT!

    :D

    woruM GehtS eiGentLICH? *grübel*
     
  8. Kate

    Kate New Member

    Die Professoren tun mir leid, aber gleichzeitig Leid. Die Doofen!
    Meine Muttersprache ist etwas lebendiges, einen Duden gibt es nur um ein Gerüst gegen die Unsicherheit beim Sprachgebrauch zur Verfügung zu stellen und nicht den immerwährenden Fluss und unfertigen Baugrund des Deutschen in Granit zu meisseln.

    Sprache entwickelt sich und daher gibt es unlogische Formen neben logischen, solche wo den Schreibern und Sprechern die Wortgeschichte noch klar und präsent ist, und daher noch differenziert wird, und solche wo ein Wort enthistorisiert ist und gemäss der Lautform geschrieben wird. Das macht es schwer, aber auch fliessend, mehrere Formen sind gleichzeitig in Gebrauch und solange die Sprachgemeinschaft Formen nicht aufgiebt sind eben mehrere Formen korrekt.

    Denn Korrektheit misst sich in der Praxis an dem tatsächlichen Gebrauch durch die Sprachgemeinschaft, und somit einem demokratischen Entwicklungsprozess mit nur begrenzt haltbaren Formen und nicht an einem Regelwerk irgendeiner beschlussfassenden Versammlung. Insofern sind immer wieder Abweichungen zu schon fast nicht mehr gebräuchlichen Formen erlaubt und legitim, und auch eben die Worterfindung und Schreibweisenerfindung, sowie alle Verdrehungen und meinetwegen auch Entstellungen. Das ist der normale Prozess.
    Entstellungen und Änderungen die nicht verstanden werden sterben einfach aus, und werden nicht in das Allgemeingut übernommen.

    Sprache verhält sich manchmal so ähnlich wie Gestein, es erodiert in Laut und Schrift und bringt gleichzeitig neue ungeschliffene Formen hervor. Insofern ist der deutschen Regelungswut nur eine akademische Hilflosigkeit und Naivität zu unterstellen, da der tatsächliche Sprachgebrauch sowieso mehrere deutsche Sprachen kennt, nämlich z.B. offizielles Deutsch, das nur zu fünfzig Prozent gekonnt wird, inoffizielles Deutsch, Dialekte, Fachsprachen, Interessengruppensprachen, Schriftsprache, Literatensprache, Forumsgesabbel und andere Formen sprachlich-schriftlichen Ausdrückens.

    Mir ist wichtig, dass mein eigener Kram beim Leser und Hörer ankommt und daher entstelle ich und modifiziere um genau den Grad an Subtilität zu erreichen der wahrscheinlich nötig ist.

    Ende der Durchsage.

    War schon wieder zu lang des Posting, ned? **Gacker**
    Aber fast jeder hat's verstanden, oder? :D
     
  9. pewe2000

    pewe2000 New Member

    Würde das erste Wort des Threadtitels

    groß-

    lauten, hätte ich einiges zu diesem Thema geschrieben. So ziehe ich es vor, mich beleidigt in meinen Elfenbeinturm zurückzuziehen.

    :party:
     
  10. Macian

    Macian New Member

    ... Deutsch : einfach nach Gefühl :D

    Aber der neuen Rechtschreibung sollte man sich schon beugen :rolleyes: . Wobei ich "Kann-Regel" wie "Ph" oder "F" blöd finde.
    - wer schreibt schon Fase statt Phase ?!
     
  11. meisterleise

    meisterleise Active Member

    > War schon wieder zu lang des Posting, ned? **Gacker**

    Jau! War es.
    Habe weder deins, noch das Startposting komplett gelesen.
    Aber auch laut neuer Rechtschreibung, Kate, wird:

    meisseln
    gemäss
    fliessend

    mit ß geschrieben! :cool:
     
  12. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Du meinst also wirklich, nach Doppelvokal und Dehnungsvokal kommt ... - ist ja der helle Wahnsinn! Das dürfte Kates cellulitefreie Beinchen glatt aus den Stiefeletten hauen. :embar:
     
  13. WoSoft

    WoSoft Debugger

  14. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Interessanter Beitrag, ohne jede Schaumschlaegerei. :embar:
     
  15. Krikri

    Krikri New Member

    ach scheise...
    das ist jetzt eine öffentliche bekanntgabe:

    ich schreibe ab jetzt in diesem forum nur noch klein und nicht in jedem 5. post, aus anstand, gross!

    verdammtnochmal!

    jetzt ists raus.

    kris.
     
  16. maiden

    maiden Lever duat us slav

    Unterschreib.
    Warum soll sich eine wissende Mehrheit nach einer unwissenden Minderheit richten?

    Und damit meine ich nicht mal irgendwelche ausländischen Mitbürger, die naturgemäß erst mal ihre Probleme mit unserer Sprache haben, sondern die hier geborenen, hier in die Schule gegangenen Hansel, die zu faul oder zu dumm oder beides sind und ihren Mitmenschen mit ihrer Schreibweise auf den Wecker gehen.
     
  17. Kate

    Kate New Member

    Dieser verbleibende, kümmerliche Rest aus dem Fundus der Sütterlinschrift stört fast jede Typografie so nachhaltig, dass ich das "ß" aus meinem Deutsch verbannt habe. Nicht nur, dass es mich stört, sondern es wiegt dies auch nicht durch irgendeine andere Wertigkeit auf. ss gegen ß 1:0 . Die Differenzierung der S-Laute findet sowieso nicht mehr in dieser Form statt, wie das mal von der deutschen Schrift repräsentiert wurde.

    Das ist mein kleiner, eigener, anarchischer Beitrag zur Sprachkultur. Bisher ist eine Mehrheit gegen mich, aber wir schauen dann mal....:cool:
     
  18. Srivanna

    Srivanna New Member

    Wie immer zeigt sich die Schweiz hier sehr progressiv :D, ist doch das ß in Helvetien längst schon – und durch Duden abgesegnet – abgeschafft (falls es überhaupt mal bis zu den Alpen vorgedrungen war?).
     
  19. WoSoft

    WoSoft Debugger

    Dann erklär mir mal, wie man ohne ß Maße und Masse unterscheiden soll?
     
  20. starwatcher

    starwatcher New Member

    durch den kontext. wer das nicht schafft, hat eh ein anderes problem...:D
     

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