iPod user sind *andere menschen + überhaupt...

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von joerch, 2. Juli 2004.

  1. joerch

    joerch New Member

    Fette Suppe fürs Gemüt


    Von Albert_Kuhn


    Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Besitzer von MP3-Playern fühlen sich auf dieser schief gewickelten Welt wie in einer wohligen Blase, da sie die Musik immer und überall ihrer Stimmungslage anpassen können. Annäherung an die neue Spezies der iPoddies.
    Dieses leicht entrückte Lächeln: «‹iPoddies› leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.»

    Wie hörten wir früher Musik? Und wann war früher? Mitte der achtziger Jahre, als die ersten CDs rauskamen? Ende der Siebziger, als der Walkman erschien? Ende der Sechziger, als man begann, Musik auf dem ersten Kassettenrekorder zu sammeln? Vor dem Krieg, als Jazzplatten auf Grammofonen eierten? Zu Napoleons Zeiten, als die Handorgel die Tanzgeige verdrängte?
    Wie wird man in zwanzig Jahren beschreiben, was sich heute verändert hat? Man wird sagen: In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts kamen Geräte auf, die man MP3-Player nannte, weil sie Musik in komprimierter Form abspielen konnten, eben als digitale MP3-Dateien. Sie ersetzten die bis dahin üblichen CD-Player und fassten zwischen 1000 und 10000 Songs. Das beliebteste dieser Teile stammte vom Computerhersteller Apple und hiess iPod. MP3-Player-bestückte Menschen – «iPoddies» genannt – rannten mit ihrer ganzen Musiksammlung im Taschenformat über die Strassen und hatten dieses leicht entrückte Lächeln auf dem Gesicht.

    Gegen die Plattenspieler kommt er nicht an

    Rüya Tastan ist so ein Mensch. Sie ist 18, wohnt in Turgi AG und besucht in Baden die Kantonsschule. Seit Januar 2004 hat sie einen iPod. Sie hat ihn bei der Post gekauft, und weil die grad keinen mehr vorrätig hatte, log sie das Blaue vom Himmel herunter, damit die Poststelle doch noch kurzfristig einen auftrieb. «Ich musste ihn einfach am selben Tag noch haben», lacht Rüya Tastan. Kauft sie nun mehr oder weniger Musik? «Ich kauf heute gleich viele CDs wie vorher, nämlich keine. Dafür lade ich viel mehr Musik aus dem Netz runter und habe so schon viele neue Hip-Hop-Crews kennen gelernt.» Nimmt der Musikkonsum zu? «Ja, klar, vor allem auf dem Schulweg.» Hat der iPod den CD-Player ersetzt? «In gewisser Weise schon. Ich kann den iPod zu Hause an die Computerboxen anstecken. Nicht ersetzt hat er den Plattenspieler, mit dem höre ich meine LPs.»

    Das Verhalten der iPod-Besitzer interessiert auch die Wissenschaft. An der Universität Sussex in England untersucht Michael Bull die kulturellen Auswirkungen von Medientechnologien. Er fand heraus, dass man nur Musik hört, wenn sie zur momentanen Stimmung passt, oder umgekehrt: dass man unterwegs lieber keine Musik hört, wenn die einem grad zu lasch, zu heftig, zu komplex oder zu fad ist. Selbst wenn man ein Etui mit zehn CDs dabeihätte – häufig passt eben grad keine zur momentanen Laune. Genau dies wird iPod-Usern kaum passieren. Sie führen nicht nur ihre CD-Sammlung mit, sondern auch Songs, die sie auf dem Internet gefunden haben. Bis zu zehntausend Lieder, Tracks, Werke – oder auch Hörbücher, Vorträge, schlicht: jede Form von Audio.

    «iPod-Menschen», so Michael Bull im Interview mit dem Economist, «leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.» Wenn sie in einer Warteschlange seien – am Bahnhof oder im Flughafen –, fühlten sie sich nicht so ausgeliefert wie andere. Sie hätten ihre Welt unter Kontrolle. Anrufe aufs Handy empfänden sie häufig als Störung und riefen erst später zurück. Sie betrachteten den Arbeitsweg als ein Stück Freiheit, das sie sich selbst akustisch möblierten, und sie legten die Kopfhörer erst ab, wenn sie an ihrem Arbeitstisch seien. Oder in der Schule der besten Freundin begegneten. Die einst rein soziale Funktion von Musik hat so eine Ausdehnung ins Individuelle erfahren. Ganz einfach erstellt man persönliche Playlists für verschiedene Stimmungen. Im iPod-Forum sind Listen zu finden mit Namen wie «Schneeflockenzuschauen», «Dämmerungsmusik», «fette Suppe», «It Takes Two» (Tango) und «Moinmoin» (Aufstehmusik).

    Was mit dem iPod und den MP3-Playern längerfristig in die Binsen geht, ist das Album als kulturelle Ikone – von den Musikern in einer bestimmten Schaffensphase aufgenommen und sorgfältig zusammengestellt, die Hülle oder das Cover künstlerisch gestaltet. Per iPod erreicht das Jukebox-Denken seinen Höhepunkt: «Viele iPod-Menschen», fand Bull heraus, «haben ihre CDs gar nicht mehr in Griffweite, sondern irgendwo im Schrank oder auf dem Dachboden.» Interessanter werden dafür die Playlists von andern, die im Internet fleissig ausgetauscht werden, etwa auf www.smartplaylists.com oder via die neue iMix-Funktion in den iTunes Music Stores, den von Apple eingerichteten Online-Plattenläden. Die besagten Playlists sind selbst erstellte, stimmungsdefinierte Musikprogramme, so etwas wie das Album der Zukunft. Durch den Austausch dieser Listen im Netz bekommt das Soziale dann doch wieder Auftrieb.

    Wie werden die Musiker auf die neue Lage reagieren? Vielleicht werden auch sie schneller. Die Schaffensperioden werden wohl kürzer, man wird nicht mehr ganze Alben herausgeben wie Zangengeburten, sondern nach Lust und Aktualität einzelne Singles. Am CD-Markt haben die Singles heute einen Anteil von nur zehn Prozent. In den iTunes Music Stores sind dagegen die Hälfte der gekauften Songs einzelne, die andere Hälfte wird als ganzes Album gekauft.

    Der iPod glänzt hell und klinisch wie eine Zahnarztpraxis, liegt weich und schwer in der Hand. Ein Designteil in weissem Kunststoff mit spiegelglänzend verchromtem Boden, dem man dauernd die Fingerabdrücke wegpolieren möchte. Das Gerät ist etwas breiter, höher, flacher und schwerer als ein Handy. Ein Display, dazu vier Tasten und ein Scroll-Rad, alle berührungsempfindlich. Man könnte meinen, auf ein medizinisches Spezialgerät zu tippen, etwa zum Pulsmessen oder zur Bestimmung des Eisprungs. Wäre da auf der Rückseite kein Apfelsymbol und würde man das Design nicht schon von den ebenso spitalweiss überzogenen iBooks von Apple kennen. Und der Name? «Pod» wie «Schote» oder «Hülse» zum Schützen der Musik. Und «i» wie «IT» beziehungsweise «Information Technology».

    Wer zuletzt lacht...

    Es gab globales Gelächter, als Apple-Guru Steve Jobs 2001 die erste Generation iPod einführte, es gab mitleidiges Gekicher, als er 2003 den iTunes Music Store eröffnete, aber wenn heute jemand lacht, dann gewiss die Leute von Apple. Schuld daran ist nicht in erster Linie die Hardware iPod, sondern die mitgelieferte oder im Netz erhältliche Software iTunes, das virtuelle Plattengestell. iTunes verwaltet die – woher auch immer – auf den Computer geladenen Songs. Von iTunes werden sie per Kabel schlank und schnell auf den iPod transferiert.

    Die Musikinitiative von Apple wird allerlei auslösen: Selbst überzeugte PC-Besitzer kommen unversehens in die Situation, ein Apple-Teil (iPod) kaufen oder wenigstens eine Apple-Software (iTunes) herunterladen zu müssen. Und endlich präsentiert, neben Napster und Konsorten, mit Apple ein bekannter Player einen funktionierenden Musik-Download-Service, der ein Bezahlungsmodell präsentiert, das so glasklar und chic ist wie der iPod selbst: 99 Cents pro Song, 9.90 Dollar pro Album.

    Der fröhliche Siegeszug des iPod entwickelt allerdings ein paar Nebengeräusche. Denn noch immer ist die Frage um das geistige Eigentum und dessen Verwertung nicht geklärt. So gibt sich etwa die IFPI (der internationale Verband der Musikbranche) als radikalste Gegnerin des Runterladens von Musik aus dem Netz, dies, so heisst es, zum Schutze der Künstler. Was dieselbe Organisation allerdings nicht daran hindert, zumindest in Deutschland das Einkommen von Musikern und Textern radikal zu beschneiden, wie kürzlich geschehen. Harte Tatsachen, verspannte Kinnladen. Und da kommt ein Ding in Blendendweiss, das zusammen mit einer kleinen Software die Musikwelt neu aufmischt, ohne das richtig gewollt zu haben.

    2,5 Millionen Downloads pro Woche

    Neulich wollte ich also einen iPod kaufen. Fuhr nach Dietikon zum Apple-Händler Dataquest – welcher sich erstens fast unauffindbar irgendwo im vierten Stock eines Bürogebäudes versteckte und zweitens als einziger Laden weit und breit schon geschlossen hatte. Nun gut, selber schuld, nächster Versuch beim Staubsauger-King Fust AG. Ob man hier den iPod von Apple führen würde? Ein stolzes Nein war die Antwort. Könnte es sein, fragte ich mich, dass der iPod bloss ein Medien-Hype ist und in der realen Welt kaum existiert? Die reale Welt lag auf der andern Strassenseite und hiess Mediamarkt. Ein Mainstream-Paradies, wo Nischenprodukte nichts verloren haben. Siehe da: In der Computerecke lagen auf bester Verkaufshöhe sieben verschiedene MP3-Player herum – ein achter stand daneben, stolz, weiss, wie ein Star auf der Bühne. Der iPod, meinte der Verkäufer, würde mit Abstand am meisten verkauft, die Nachahmerprodukte seien nicht viel wert. Das Ding kostete samt Kopfhörer und würfelförmiger Edelverpackung 489 Franken.

    Die Sache mit der fehlenden Alternative wollte ich dann doch genauer wissen: Einmal quer durch die ganze Halle, wieder zurück zum iPod-Regal und einen zweiten Verkäufer fragen, was denn hier so der beste MP3-Player wäre. Die Auskunft diesmal: Der iPod würde weitaus am meisten verkauft, er aber fände den neuen Archos Gmini 220 besser – der sei kleiner, hätte ein grösseres Display, mehr Speicherkapazität fürs Geld, einen Flash-Card-Slot, wo zum Beispiel Fotos geladen und angeguckt werden können, wenn auch nur in Schwarzweiss. Was nichts daran ändert: Der iPod ist das strahlende Symbol und das Objekt der Begierde nach transportabler Musik – wie das einmal Sony Walkman und Sony Discman waren.

    Von Dietikon zurück ins Globale. Unmittelbar nach seiner Eröffnung Ende April 2003 war der iTunes Music Store USA bereits das grösste Musikgeschäft der Welt. In zwei Wochen gingen zwei Millionen Songs in die eine und knapp zwei Millionen Dollar in die andere Richtung über den Apple-Ladentisch. Heute sind es etwa 2,5 Millionen Songs pro Woche, denn seit Oktober 2003 gibt es iTunes auch für Windows-Rechner. Was bedeutet: Apple hat allein in den USA einen Marktanteil am Online-Musikgeschäft von siebzig Prozent. In Europa wurde der iTunes Music Store vor zwei Wochen eröffnet, vorerst nur für Frankreich, Grossbritannien und Deutschland. In der ersten Woche wurden bereits 800000 Songs verkauft, davon sechzig Prozent in Grossbritannien. In Deutschland ist das Angebot noch etwas mager, vorläufig sind erst die Produkte der Majors erhältlich, die kleineren und unabhängigen Plattenlabels gesellen sich nur langsam dazu. Und wie wird das Geld verteilt? Von den 99 Cents pro Song erhalten die Labels 67 Cents. Was sie davon an die Künstler abtreten, wird sich zwischen 15 und 35 Cents bewegen. Zwischen den Labels und Apple gibt es ganz normale Vertriebsverträge, wobei die grösseren Labels direkt mit Apple verhandeln und die kleineren eher via einen neuen Berufsstand, die iTunes-Broker. Diese fassen kleine Labels en gros zu Gruppen zusammen und erhalten dadurch bei Apple bessere Preise. Ganz der alte Viehhandel.

    Überfälliger Stich ins Wespennest

    So wie es neben dem iPod andere MP3-Player gibt, existieren neben dem iTunes Music Store noch andere Musikläden im Netz, etwa die unter der Obhut des CD-Brennsoftware-Herstellers Roxio wiederauferstandene Napster-Seite; oder Sony, die ihre eigenen Produkte verdealt, ebenfalls zu 99 Cents das Stück. Da aber Napster nur für US-Bürger und Sony nur für sich selbst sorgt, bleibt iTunes als branchenunabhängigem und globalem Quereinsteiger das grösste Terrain überlassen.

    iTunes Music Store verkauft die Songs in einem Format, das den Missbrauch verhindern helfen soll. An dieser Form der Kontrolle stört sich jedoch kaum jemand, weil sie leicht zu umgehen ist. Wer will, kann sich die Musik irgendwo runterladen, sie in iTunes verwalten und im iPod abhören – Apple steht daneben, zuckt mit den Schultern und kann tatsächlich nichts dafür. iTunes hat sich in den Händen von File-Sharing-Freunden in ein File-Sharing-Paradies verwandelt, das letztlich genau das ermöglicht, was Apple – vorgeblich – verhindern wollte: dass Musik gratis aus dem Netz geladen wird.

    Apple hat sich mit dieser genialen Tollpatschigkeit mitten ins File-Sharing-Wespennest gesetzt und zwar genau an die Stelle, wo ihr niemand etwas anhaben kann. Mit ihrem Rundumangebot aus schickem Abhörgerät, einfach funktionierender Software und Online-Musikladen hat sich die Firma eine Geldmaschine angelacht, die raffinierter kaum sein könnte. Wäre Apple Microsoft, würde diesem Masterplan blanke Feindschaft entgegenschlagen; dem ewigen Junior der Computerbranche, der von Erfolg zu Misserfolg strauchelt, nimmt jedoch niemand wirklich was krumm. Es scheint, als wären alle heilfroh, dass endlich etwas passiert in Sachen Musikindustrie, Urheberrecht und Internet.

    Quelle:
    http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=8096&CategoryID=60
     
  2. Rocko2

    Rocko2 New Member

    Wunderschöner Artikel über eine neue Spezies von Menschen, auch ich zähle mich dazu.

    Wo ist mein iPod? Bitte nicht stören!
     
  3. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Danke für den Artikel, bis auf die etwas seltsame und unverständliche Kritik in Sachen Filesharing ist es eine nette Lektüre.
     
  4. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Das erinnert mich daran, daß ich mein 40-GB-Schnuckelchen mal schnell aufladen sollte, sonst geht mir nachher im Zug wieder der Saft aus...
     
  5. joerch

    joerch New Member

    sind wir nicht alle ein bißchen


    eipott ?


    :D
     
  6. macuta

    macuta New Member

    Wieder einmal fehlt mir hier der verliebte Herz-Smiley.
    Unterhaltsamer Artikel!
    Behalte den 10GB IPod, nur für den Fall, dass der Mini mal nicht wollen sollte…
     
  7. Rotweinfreund

    Rotweinfreund + Jevers Liebhaber

    … ich habe wirklich nicht verstanden, was und wie es gemeint ist.
    :confused:
     
  8. MacDragon

    MacDragon New Member

    Ich meine wir machen das hier die ganze Zeit aber es wäre besser, wenn Ihr den Link postet und dann im Zuge der Diskussion aus dem Artikel zitiert wird. Ist besser so von wegen Copyright. Sonst kann der autor hier noch Zweitverwertung geltend machen. Ich sehe ja ein hier ist kein kommerzieller Gebrauch aber den Artikel ganz zu pasten ist dann doch für mich als Laie dennoch zu sehr eine Urheberrechtsverletzung.

    Lasst mich übrigens bei der zu erwartenden Diskussion über Copyright in einem Stück, Ok? :D :D :cool: ;)
     
  9. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Sagt Dir die Redensart "doppelt gemoppelt" irgendetwas? :)
     
  10. MacDragon

    MacDragon New Member

    Ja. Aber nach einem 12 Stunden Arbeitstag mit 34 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und Klimanlage vollauf die Augen......da bleibt schon mal was hängen....

    :cool: :D
     
  11. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Du hast mein Beileid! Was arbeitest Du denn, wenn ich fragen darf?
     
  12. MacDragon

    MacDragon New Member

    Momentan sorge ich für Neugeschäft in einer produzierenden Firma in China.
    Marketing also. Allerdings auf Probe und an meinem eigenem Rechner (iBook).

    Und ich sitze hier am Schreibtisch und muss den Luftstrom der Klimaanlage aushalten. Das geht in Ordnung. Wenn ich nicht so frieren würde!!! Und nach ein paar stunden machens auch die Augen nicht mehr so gern:crazy:

    Dann gehst Du raus und wirst einmal gut durchgeröstet und fängst an zu kleben. Ehrlich gesagt finde ich schwitzen besser als frieren, egal was die Chinesen hier sagen.
    Aber beides im Wechsel nervt richtig.

    ;(
     
  13. joerch

    joerch New Member

    Fette Suppe fürs Gemüt


    Von Albert_Kuhn


    Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Besitzer von MP3-Playern fühlen sich auf dieser schief gewickelten Welt wie in einer wohligen Blase, da sie die Musik immer und überall ihrer Stimmungslage anpassen können. Annäherung an die neue Spezies der iPoddies.
    Dieses leicht entrückte Lächeln: «‹iPoddies› leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.»

    Wie hörten wir früher Musik? Und wann war früher? Mitte der achtziger Jahre, als die ersten CDs rauskamen? Ende der Siebziger, als der Walkman erschien? Ende der Sechziger, als man begann, Musik auf dem ersten Kassettenrekorder zu sammeln? Vor dem Krieg, als Jazzplatten auf Grammofonen eierten? Zu Napoleons Zeiten, als die Handorgel die Tanzgeige verdrängte?
    Wie wird man in zwanzig Jahren beschreiben, was sich heute verändert hat? Man wird sagen: In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts kamen Geräte auf, die man MP3-Player nannte, weil sie Musik in komprimierter Form abspielen konnten, eben als digitale MP3-Dateien. Sie ersetzten die bis dahin üblichen CD-Player und fassten zwischen 1000 und 10000 Songs. Das beliebteste dieser Teile stammte vom Computerhersteller Apple und hiess iPod. MP3-Player-bestückte Menschen – «iPoddies» genannt – rannten mit ihrer ganzen Musiksammlung im Taschenformat über die Strassen und hatten dieses leicht entrückte Lächeln auf dem Gesicht.

    Gegen die Plattenspieler kommt er nicht an

    Rüya Tastan ist so ein Mensch. Sie ist 18, wohnt in Turgi AG und besucht in Baden die Kantonsschule. Seit Januar 2004 hat sie einen iPod. Sie hat ihn bei der Post gekauft, und weil die grad keinen mehr vorrätig hatte, log sie das Blaue vom Himmel herunter, damit die Poststelle doch noch kurzfristig einen auftrieb. «Ich musste ihn einfach am selben Tag noch haben», lacht Rüya Tastan. Kauft sie nun mehr oder weniger Musik? «Ich kauf heute gleich viele CDs wie vorher, nämlich keine. Dafür lade ich viel mehr Musik aus dem Netz runter und habe so schon viele neue Hip-Hop-Crews kennen gelernt.» Nimmt der Musikkonsum zu? «Ja, klar, vor allem auf dem Schulweg.» Hat der iPod den CD-Player ersetzt? «In gewisser Weise schon. Ich kann den iPod zu Hause an die Computerboxen anstecken. Nicht ersetzt hat er den Plattenspieler, mit dem höre ich meine LPs.»

    Das Verhalten der iPod-Besitzer interessiert auch die Wissenschaft. An der Universität Sussex in England untersucht Michael Bull die kulturellen Auswirkungen von Medientechnologien. Er fand heraus, dass man nur Musik hört, wenn sie zur momentanen Stimmung passt, oder umgekehrt: dass man unterwegs lieber keine Musik hört, wenn die einem grad zu lasch, zu heftig, zu komplex oder zu fad ist. Selbst wenn man ein Etui mit zehn CDs dabeihätte – häufig passt eben grad keine zur momentanen Laune. Genau dies wird iPod-Usern kaum passieren. Sie führen nicht nur ihre CD-Sammlung mit, sondern auch Songs, die sie auf dem Internet gefunden haben. Bis zu zehntausend Lieder, Tracks, Werke – oder auch Hörbücher, Vorträge, schlicht: jede Form von Audio.

    «iPod-Menschen», so Michael Bull im Interview mit dem Economist, «leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.» Wenn sie in einer Warteschlange seien – am Bahnhof oder im Flughafen –, fühlten sie sich nicht so ausgeliefert wie andere. Sie hätten ihre Welt unter Kontrolle. Anrufe aufs Handy empfänden sie häufig als Störung und riefen erst später zurück. Sie betrachteten den Arbeitsweg als ein Stück Freiheit, das sie sich selbst akustisch möblierten, und sie legten die Kopfhörer erst ab, wenn sie an ihrem Arbeitstisch seien. Oder in der Schule der besten Freundin begegneten. Die einst rein soziale Funktion von Musik hat so eine Ausdehnung ins Individuelle erfahren. Ganz einfach erstellt man persönliche Playlists für verschiedene Stimmungen. Im iPod-Forum sind Listen zu finden mit Namen wie «Schneeflockenzuschauen», «Dämmerungsmusik», «fette Suppe», «It Takes Two» (Tango) und «Moinmoin» (Aufstehmusik).

    Was mit dem iPod und den MP3-Playern längerfristig in die Binsen geht, ist das Album als kulturelle Ikone – von den Musikern in einer bestimmten Schaffensphase aufgenommen und sorgfältig zusammengestellt, die Hülle oder das Cover künstlerisch gestaltet. Per iPod erreicht das Jukebox-Denken seinen Höhepunkt: «Viele iPod-Menschen», fand Bull heraus, «haben ihre CDs gar nicht mehr in Griffweite, sondern irgendwo im Schrank oder auf dem Dachboden.» Interessanter werden dafür die Playlists von andern, die im Internet fleissig ausgetauscht werden, etwa auf www.smartplaylists.com oder via die neue iMix-Funktion in den iTunes Music Stores, den von Apple eingerichteten Online-Plattenläden. Die besagten Playlists sind selbst erstellte, stimmungsdefinierte Musikprogramme, so etwas wie das Album der Zukunft. Durch den Austausch dieser Listen im Netz bekommt das Soziale dann doch wieder Auftrieb.

    Wie werden die Musiker auf die neue Lage reagieren? Vielleicht werden auch sie schneller. Die Schaffensperioden werden wohl kürzer, man wird nicht mehr ganze Alben herausgeben wie Zangengeburten, sondern nach Lust und Aktualität einzelne Singles. Am CD-Markt haben die Singles heute einen Anteil von nur zehn Prozent. In den iTunes Music Stores sind dagegen die Hälfte der gekauften Songs einzelne, die andere Hälfte wird als ganzes Album gekauft.

    Der iPod glänzt hell und klinisch wie eine Zahnarztpraxis, liegt weich und schwer in der Hand. Ein Designteil in weissem Kunststoff mit spiegelglänzend verchromtem Boden, dem man dauernd die Fingerabdrücke wegpolieren möchte. Das Gerät ist etwas breiter, höher, flacher und schwerer als ein Handy. Ein Display, dazu vier Tasten und ein Scroll-Rad, alle berührungsempfindlich. Man könnte meinen, auf ein medizinisches Spezialgerät zu tippen, etwa zum Pulsmessen oder zur Bestimmung des Eisprungs. Wäre da auf der Rückseite kein Apfelsymbol und würde man das Design nicht schon von den ebenso spitalweiss überzogenen iBooks von Apple kennen. Und der Name? «Pod» wie «Schote» oder «Hülse» zum Schützen der Musik. Und «i» wie «IT» beziehungsweise «Information Technology».

    Wer zuletzt lacht...

    Es gab globales Gelächter, als Apple-Guru Steve Jobs 2001 die erste Generation iPod einführte, es gab mitleidiges Gekicher, als er 2003 den iTunes Music Store eröffnete, aber wenn heute jemand lacht, dann gewiss die Leute von Apple. Schuld daran ist nicht in erster Linie die Hardware iPod, sondern die mitgelieferte oder im Netz erhältliche Software iTunes, das virtuelle Plattengestell. iTunes verwaltet die – woher auch immer – auf den Computer geladenen Songs. Von iTunes werden sie per Kabel schlank und schnell auf den iPod transferiert.

    Die Musikinitiative von Apple wird allerlei auslösen: Selbst überzeugte PC-Besitzer kommen unversehens in die Situation, ein Apple-Teil (iPod) kaufen oder wenigstens eine Apple-Software (iTunes) herunterladen zu müssen. Und endlich präsentiert, neben Napster und Konsorten, mit Apple ein bekannter Player einen funktionierenden Musik-Download-Service, der ein Bezahlungsmodell präsentiert, das so glasklar und chic ist wie der iPod selbst: 99 Cents pro Song, 9.90 Dollar pro Album.

    Der fröhliche Siegeszug des iPod entwickelt allerdings ein paar Nebengeräusche. Denn noch immer ist die Frage um das geistige Eigentum und dessen Verwertung nicht geklärt. So gibt sich etwa die IFPI (der internationale Verband der Musikbranche) als radikalste Gegnerin des Runterladens von Musik aus dem Netz, dies, so heisst es, zum Schutze der Künstler. Was dieselbe Organisation allerdings nicht daran hindert, zumindest in Deutschland das Einkommen von Musikern und Textern radikal zu beschneiden, wie kürzlich geschehen. Harte Tatsachen, verspannte Kinnladen. Und da kommt ein Ding in Blendendweiss, das zusammen mit einer kleinen Software die Musikwelt neu aufmischt, ohne das richtig gewollt zu haben.

    2,5 Millionen Downloads pro Woche

    Neulich wollte ich also einen iPod kaufen. Fuhr nach Dietikon zum Apple-Händler Dataquest – welcher sich erstens fast unauffindbar irgendwo im vierten Stock eines Bürogebäudes versteckte und zweitens als einziger Laden weit und breit schon geschlossen hatte. Nun gut, selber schuld, nächster Versuch beim Staubsauger-King Fust AG. Ob man hier den iPod von Apple führen würde? Ein stolzes Nein war die Antwort. Könnte es sein, fragte ich mich, dass der iPod bloss ein Medien-Hype ist und in der realen Welt kaum existiert? Die reale Welt lag auf der andern Strassenseite und hiess Mediamarkt. Ein Mainstream-Paradies, wo Nischenprodukte nichts verloren haben. Siehe da: In der Computerecke lagen auf bester Verkaufshöhe sieben verschiedene MP3-Player herum – ein achter stand daneben, stolz, weiss, wie ein Star auf der Bühne. Der iPod, meinte der Verkäufer, würde mit Abstand am meisten verkauft, die Nachahmerprodukte seien nicht viel wert. Das Ding kostete samt Kopfhörer und würfelförmiger Edelverpackung 489 Franken.

    Die Sache mit der fehlenden Alternative wollte ich dann doch genauer wissen: Einmal quer durch die ganze Halle, wieder zurück zum iPod-Regal und einen zweiten Verkäufer fragen, was denn hier so der beste MP3-Player wäre. Die Auskunft diesmal: Der iPod würde weitaus am meisten verkauft, er aber fände den neuen Archos Gmini 220 besser – der sei kleiner, hätte ein grösseres Display, mehr Speicherkapazität fürs Geld, einen Flash-Card-Slot, wo zum Beispiel Fotos geladen und angeguckt werden können, wenn auch nur in Schwarzweiss. Was nichts daran ändert: Der iPod ist das strahlende Symbol und das Objekt der Begierde nach transportabler Musik – wie das einmal Sony Walkman und Sony Discman waren.

    Von Dietikon zurück ins Globale. Unmittelbar nach seiner Eröffnung Ende April 2003 war der iTunes Music Store USA bereits das grösste Musikgeschäft der Welt. In zwei Wochen gingen zwei Millionen Songs in die eine und knapp zwei Millionen Dollar in die andere Richtung über den Apple-Ladentisch. Heute sind es etwa 2,5 Millionen Songs pro Woche, denn seit Oktober 2003 gibt es iTunes auch für Windows-Rechner. Was bedeutet: Apple hat allein in den USA einen Marktanteil am Online-Musikgeschäft von siebzig Prozent. In Europa wurde der iTunes Music Store vor zwei Wochen eröffnet, vorerst nur für Frankreich, Grossbritannien und Deutschland. In der ersten Woche wurden bereits 800000 Songs verkauft, davon sechzig Prozent in Grossbritannien. In Deutschland ist das Angebot noch etwas mager, vorläufig sind erst die Produkte der Majors erhältlich, die kleineren und unabhängigen Plattenlabels gesellen sich nur langsam dazu. Und wie wird das Geld verteilt? Von den 99 Cents pro Song erhalten die Labels 67 Cents. Was sie davon an die Künstler abtreten, wird sich zwischen 15 und 35 Cents bewegen. Zwischen den Labels und Apple gibt es ganz normale Vertriebsverträge, wobei die grösseren Labels direkt mit Apple verhandeln und die kleineren eher via einen neuen Berufsstand, die iTunes-Broker. Diese fassen kleine Labels en gros zu Gruppen zusammen und erhalten dadurch bei Apple bessere Preise. Ganz der alte Viehhandel.

    Überfälliger Stich ins Wespennest

    So wie es neben dem iPod andere MP3-Player gibt, existieren neben dem iTunes Music Store noch andere Musikläden im Netz, etwa die unter der Obhut des CD-Brennsoftware-Herstellers Roxio wiederauferstandene Napster-Seite; oder Sony, die ihre eigenen Produkte verdealt, ebenfalls zu 99 Cents das Stück. Da aber Napster nur für US-Bürger und Sony nur für sich selbst sorgt, bleibt iTunes als branchenunabhängigem und globalem Quereinsteiger das grösste Terrain überlassen.

    iTunes Music Store verkauft die Songs in einem Format, das den Missbrauch verhindern helfen soll. An dieser Form der Kontrolle stört sich jedoch kaum jemand, weil sie leicht zu umgehen ist. Wer will, kann sich die Musik irgendwo runterladen, sie in iTunes verwalten und im iPod abhören – Apple steht daneben, zuckt mit den Schultern und kann tatsächlich nichts dafür. iTunes hat sich in den Händen von File-Sharing-Freunden in ein File-Sharing-Paradies verwandelt, das letztlich genau das ermöglicht, was Apple – vorgeblich – verhindern wollte: dass Musik gratis aus dem Netz geladen wird.

    Apple hat sich mit dieser genialen Tollpatschigkeit mitten ins File-Sharing-Wespennest gesetzt und zwar genau an die Stelle, wo ihr niemand etwas anhaben kann. Mit ihrem Rundumangebot aus schickem Abhörgerät, einfach funktionierender Software und Online-Musikladen hat sich die Firma eine Geldmaschine angelacht, die raffinierter kaum sein könnte. Wäre Apple Microsoft, würde diesem Masterplan blanke Feindschaft entgegenschlagen; dem ewigen Junior der Computerbranche, der von Erfolg zu Misserfolg strauchelt, nimmt jedoch niemand wirklich was krumm. Es scheint, als wären alle heilfroh, dass endlich etwas passiert in Sachen Musikindustrie, Urheberrecht und Internet.

    Quelle:
    http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=8096&CategoryID=60
     
  14. Rocko2

    Rocko2 New Member

    Wunderschöner Artikel über eine neue Spezies von Menschen, auch ich zähle mich dazu.

    Wo ist mein iPod? Bitte nicht stören!
     
  15. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Danke für den Artikel, bis auf die etwas seltsame und unverständliche Kritik in Sachen Filesharing ist es eine nette Lektüre.
     
  16. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Das erinnert mich daran, daß ich mein 40-GB-Schnuckelchen mal schnell aufladen sollte, sonst geht mir nachher im Zug wieder der Saft aus...
     
  17. joerch

    joerch New Member

    sind wir nicht alle ein bißchen


    eipott ?


    :D
     
  18. joerch

    joerch New Member

    Fette Suppe fürs Gemüt


    Von Albert_Kuhn


    Jetzt ist es wissenschaftlich erwiesen: Besitzer von MP3-Playern fühlen sich auf dieser schief gewickelten Welt wie in einer wohligen Blase, da sie die Musik immer und überall ihrer Stimmungslage anpassen können. Annäherung an die neue Spezies der iPoddies.
    Dieses leicht entrückte Lächeln: «‹iPoddies› leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.»

    Wie hörten wir früher Musik? Und wann war früher? Mitte der achtziger Jahre, als die ersten CDs rauskamen? Ende der Siebziger, als der Walkman erschien? Ende der Sechziger, als man begann, Musik auf dem ersten Kassettenrekorder zu sammeln? Vor dem Krieg, als Jazzplatten auf Grammofonen eierten? Zu Napoleons Zeiten, als die Handorgel die Tanzgeige verdrängte?
    Wie wird man in zwanzig Jahren beschreiben, was sich heute verändert hat? Man wird sagen: In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts kamen Geräte auf, die man MP3-Player nannte, weil sie Musik in komprimierter Form abspielen konnten, eben als digitale MP3-Dateien. Sie ersetzten die bis dahin üblichen CD-Player und fassten zwischen 1000 und 10000 Songs. Das beliebteste dieser Teile stammte vom Computerhersteller Apple und hiess iPod. MP3-Player-bestückte Menschen – «iPoddies» genannt – rannten mit ihrer ganzen Musiksammlung im Taschenformat über die Strassen und hatten dieses leicht entrückte Lächeln auf dem Gesicht.

    Gegen die Plattenspieler kommt er nicht an

    Rüya Tastan ist so ein Mensch. Sie ist 18, wohnt in Turgi AG und besucht in Baden die Kantonsschule. Seit Januar 2004 hat sie einen iPod. Sie hat ihn bei der Post gekauft, und weil die grad keinen mehr vorrätig hatte, log sie das Blaue vom Himmel herunter, damit die Poststelle doch noch kurzfristig einen auftrieb. «Ich musste ihn einfach am selben Tag noch haben», lacht Rüya Tastan. Kauft sie nun mehr oder weniger Musik? «Ich kauf heute gleich viele CDs wie vorher, nämlich keine. Dafür lade ich viel mehr Musik aus dem Netz runter und habe so schon viele neue Hip-Hop-Crews kennen gelernt.» Nimmt der Musikkonsum zu? «Ja, klar, vor allem auf dem Schulweg.» Hat der iPod den CD-Player ersetzt? «In gewisser Weise schon. Ich kann den iPod zu Hause an die Computerboxen anstecken. Nicht ersetzt hat er den Plattenspieler, mit dem höre ich meine LPs.»

    Das Verhalten der iPod-Besitzer interessiert auch die Wissenschaft. An der Universität Sussex in England untersucht Michael Bull die kulturellen Auswirkungen von Medientechnologien. Er fand heraus, dass man nur Musik hört, wenn sie zur momentanen Stimmung passt, oder umgekehrt: dass man unterwegs lieber keine Musik hört, wenn die einem grad zu lasch, zu heftig, zu komplex oder zu fad ist. Selbst wenn man ein Etui mit zehn CDs dabeihätte – häufig passt eben grad keine zur momentanen Laune. Genau dies wird iPod-Usern kaum passieren. Sie führen nicht nur ihre CD-Sammlung mit, sondern auch Songs, die sie auf dem Internet gefunden haben. Bis zu zehntausend Lieder, Tracks, Werke – oder auch Hörbücher, Vorträge, schlicht: jede Form von Audio.

    «iPod-Menschen», so Michael Bull im Interview mit dem Economist, «leben in einer perfekten, selbst kontrollierten Blase.» Wenn sie in einer Warteschlange seien – am Bahnhof oder im Flughafen –, fühlten sie sich nicht so ausgeliefert wie andere. Sie hätten ihre Welt unter Kontrolle. Anrufe aufs Handy empfänden sie häufig als Störung und riefen erst später zurück. Sie betrachteten den Arbeitsweg als ein Stück Freiheit, das sie sich selbst akustisch möblierten, und sie legten die Kopfhörer erst ab, wenn sie an ihrem Arbeitstisch seien. Oder in der Schule der besten Freundin begegneten. Die einst rein soziale Funktion von Musik hat so eine Ausdehnung ins Individuelle erfahren. Ganz einfach erstellt man persönliche Playlists für verschiedene Stimmungen. Im iPod-Forum sind Listen zu finden mit Namen wie «Schneeflockenzuschauen», «Dämmerungsmusik», «fette Suppe», «It Takes Two» (Tango) und «Moinmoin» (Aufstehmusik).

    Was mit dem iPod und den MP3-Playern längerfristig in die Binsen geht, ist das Album als kulturelle Ikone – von den Musikern in einer bestimmten Schaffensphase aufgenommen und sorgfältig zusammengestellt, die Hülle oder das Cover künstlerisch gestaltet. Per iPod erreicht das Jukebox-Denken seinen Höhepunkt: «Viele iPod-Menschen», fand Bull heraus, «haben ihre CDs gar nicht mehr in Griffweite, sondern irgendwo im Schrank oder auf dem Dachboden.» Interessanter werden dafür die Playlists von andern, die im Internet fleissig ausgetauscht werden, etwa auf www.smartplaylists.com oder via die neue iMix-Funktion in den iTunes Music Stores, den von Apple eingerichteten Online-Plattenläden. Die besagten Playlists sind selbst erstellte, stimmungsdefinierte Musikprogramme, so etwas wie das Album der Zukunft. Durch den Austausch dieser Listen im Netz bekommt das Soziale dann doch wieder Auftrieb.

    Wie werden die Musiker auf die neue Lage reagieren? Vielleicht werden auch sie schneller. Die Schaffensperioden werden wohl kürzer, man wird nicht mehr ganze Alben herausgeben wie Zangengeburten, sondern nach Lust und Aktualität einzelne Singles. Am CD-Markt haben die Singles heute einen Anteil von nur zehn Prozent. In den iTunes Music Stores sind dagegen die Hälfte der gekauften Songs einzelne, die andere Hälfte wird als ganzes Album gekauft.

    Der iPod glänzt hell und klinisch wie eine Zahnarztpraxis, liegt weich und schwer in der Hand. Ein Designteil in weissem Kunststoff mit spiegelglänzend verchromtem Boden, dem man dauernd die Fingerabdrücke wegpolieren möchte. Das Gerät ist etwas breiter, höher, flacher und schwerer als ein Handy. Ein Display, dazu vier Tasten und ein Scroll-Rad, alle berührungsempfindlich. Man könnte meinen, auf ein medizinisches Spezialgerät zu tippen, etwa zum Pulsmessen oder zur Bestimmung des Eisprungs. Wäre da auf der Rückseite kein Apfelsymbol und würde man das Design nicht schon von den ebenso spitalweiss überzogenen iBooks von Apple kennen. Und der Name? «Pod» wie «Schote» oder «Hülse» zum Schützen der Musik. Und «i» wie «IT» beziehungsweise «Information Technology».

    Wer zuletzt lacht...

    Es gab globales Gelächter, als Apple-Guru Steve Jobs 2001 die erste Generation iPod einführte, es gab mitleidiges Gekicher, als er 2003 den iTunes Music Store eröffnete, aber wenn heute jemand lacht, dann gewiss die Leute von Apple. Schuld daran ist nicht in erster Linie die Hardware iPod, sondern die mitgelieferte oder im Netz erhältliche Software iTunes, das virtuelle Plattengestell. iTunes verwaltet die – woher auch immer – auf den Computer geladenen Songs. Von iTunes werden sie per Kabel schlank und schnell auf den iPod transferiert.

    Die Musikinitiative von Apple wird allerlei auslösen: Selbst überzeugte PC-Besitzer kommen unversehens in die Situation, ein Apple-Teil (iPod) kaufen oder wenigstens eine Apple-Software (iTunes) herunterladen zu müssen. Und endlich präsentiert, neben Napster und Konsorten, mit Apple ein bekannter Player einen funktionierenden Musik-Download-Service, der ein Bezahlungsmodell präsentiert, das so glasklar und chic ist wie der iPod selbst: 99 Cents pro Song, 9.90 Dollar pro Album.

    Der fröhliche Siegeszug des iPod entwickelt allerdings ein paar Nebengeräusche. Denn noch immer ist die Frage um das geistige Eigentum und dessen Verwertung nicht geklärt. So gibt sich etwa die IFPI (der internationale Verband der Musikbranche) als radikalste Gegnerin des Runterladens von Musik aus dem Netz, dies, so heisst es, zum Schutze der Künstler. Was dieselbe Organisation allerdings nicht daran hindert, zumindest in Deutschland das Einkommen von Musikern und Textern radikal zu beschneiden, wie kürzlich geschehen. Harte Tatsachen, verspannte Kinnladen. Und da kommt ein Ding in Blendendweiss, das zusammen mit einer kleinen Software die Musikwelt neu aufmischt, ohne das richtig gewollt zu haben.

    2,5 Millionen Downloads pro Woche

    Neulich wollte ich also einen iPod kaufen. Fuhr nach Dietikon zum Apple-Händler Dataquest – welcher sich erstens fast unauffindbar irgendwo im vierten Stock eines Bürogebäudes versteckte und zweitens als einziger Laden weit und breit schon geschlossen hatte. Nun gut, selber schuld, nächster Versuch beim Staubsauger-King Fust AG. Ob man hier den iPod von Apple führen würde? Ein stolzes Nein war die Antwort. Könnte es sein, fragte ich mich, dass der iPod bloss ein Medien-Hype ist und in der realen Welt kaum existiert? Die reale Welt lag auf der andern Strassenseite und hiess Mediamarkt. Ein Mainstream-Paradies, wo Nischenprodukte nichts verloren haben. Siehe da: In der Computerecke lagen auf bester Verkaufshöhe sieben verschiedene MP3-Player herum – ein achter stand daneben, stolz, weiss, wie ein Star auf der Bühne. Der iPod, meinte der Verkäufer, würde mit Abstand am meisten verkauft, die Nachahmerprodukte seien nicht viel wert. Das Ding kostete samt Kopfhörer und würfelförmiger Edelverpackung 489 Franken.

    Die Sache mit der fehlenden Alternative wollte ich dann doch genauer wissen: Einmal quer durch die ganze Halle, wieder zurück zum iPod-Regal und einen zweiten Verkäufer fragen, was denn hier so der beste MP3-Player wäre. Die Auskunft diesmal: Der iPod würde weitaus am meisten verkauft, er aber fände den neuen Archos Gmini 220 besser – der sei kleiner, hätte ein grösseres Display, mehr Speicherkapazität fürs Geld, einen Flash-Card-Slot, wo zum Beispiel Fotos geladen und angeguckt werden können, wenn auch nur in Schwarzweiss. Was nichts daran ändert: Der iPod ist das strahlende Symbol und das Objekt der Begierde nach transportabler Musik – wie das einmal Sony Walkman und Sony Discman waren.

    Von Dietikon zurück ins Globale. Unmittelbar nach seiner Eröffnung Ende April 2003 war der iTunes Music Store USA bereits das grösste Musikgeschäft der Welt. In zwei Wochen gingen zwei Millionen Songs in die eine und knapp zwei Millionen Dollar in die andere Richtung über den Apple-Ladentisch. Heute sind es etwa 2,5 Millionen Songs pro Woche, denn seit Oktober 2003 gibt es iTunes auch für Windows-Rechner. Was bedeutet: Apple hat allein in den USA einen Marktanteil am Online-Musikgeschäft von siebzig Prozent. In Europa wurde der iTunes Music Store vor zwei Wochen eröffnet, vorerst nur für Frankreich, Grossbritannien und Deutschland. In der ersten Woche wurden bereits 800000 Songs verkauft, davon sechzig Prozent in Grossbritannien. In Deutschland ist das Angebot noch etwas mager, vorläufig sind erst die Produkte der Majors erhältlich, die kleineren und unabhängigen Plattenlabels gesellen sich nur langsam dazu. Und wie wird das Geld verteilt? Von den 99 Cents pro Song erhalten die Labels 67 Cents. Was sie davon an die Künstler abtreten, wird sich zwischen 15 und 35 Cents bewegen. Zwischen den Labels und Apple gibt es ganz normale Vertriebsverträge, wobei die grösseren Labels direkt mit Apple verhandeln und die kleineren eher via einen neuen Berufsstand, die iTunes-Broker. Diese fassen kleine Labels en gros zu Gruppen zusammen und erhalten dadurch bei Apple bessere Preise. Ganz der alte Viehhandel.

    Überfälliger Stich ins Wespennest

    So wie es neben dem iPod andere MP3-Player gibt, existieren neben dem iTunes Music Store noch andere Musikläden im Netz, etwa die unter der Obhut des CD-Brennsoftware-Herstellers Roxio wiederauferstandene Napster-Seite; oder Sony, die ihre eigenen Produkte verdealt, ebenfalls zu 99 Cents das Stück. Da aber Napster nur für US-Bürger und Sony nur für sich selbst sorgt, bleibt iTunes als branchenunabhängigem und globalem Quereinsteiger das grösste Terrain überlassen.

    iTunes Music Store verkauft die Songs in einem Format, das den Missbrauch verhindern helfen soll. An dieser Form der Kontrolle stört sich jedoch kaum jemand, weil sie leicht zu umgehen ist. Wer will, kann sich die Musik irgendwo runterladen, sie in iTunes verwalten und im iPod abhören – Apple steht daneben, zuckt mit den Schultern und kann tatsächlich nichts dafür. iTunes hat sich in den Händen von File-Sharing-Freunden in ein File-Sharing-Paradies verwandelt, das letztlich genau das ermöglicht, was Apple – vorgeblich – verhindern wollte: dass Musik gratis aus dem Netz geladen wird.

    Apple hat sich mit dieser genialen Tollpatschigkeit mitten ins File-Sharing-Wespennest gesetzt und zwar genau an die Stelle, wo ihr niemand etwas anhaben kann. Mit ihrem Rundumangebot aus schickem Abhörgerät, einfach funktionierender Software und Online-Musikladen hat sich die Firma eine Geldmaschine angelacht, die raffinierter kaum sein könnte. Wäre Apple Microsoft, würde diesem Masterplan blanke Feindschaft entgegenschlagen; dem ewigen Junior der Computerbranche, der von Erfolg zu Misserfolg strauchelt, nimmt jedoch niemand wirklich was krumm. Es scheint, als wären alle heilfroh, dass endlich etwas passiert in Sachen Musikindustrie, Urheberrecht und Internet.

    Quelle:
    http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=8096&CategoryID=60
     
  19. Rocko2

    Rocko2 New Member

    Wunderschöner Artikel über eine neue Spezies von Menschen, auch ich zähle mich dazu.

    Wo ist mein iPod? Bitte nicht stören!
     
  20. mac_the_mighty

    mac_the_mighty New Member

    Danke für den Artikel, bis auf die etwas seltsame und unverständliche Kritik in Sachen Filesharing ist es eine nette Lektüre.
     

Diese Seite empfehlen