kleine Geschichtsstunde für McXoX

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von maiden, 3. März 2003.

  1. maiden

    maiden Lever duat us slav

    Selten wurde bereits in der Vorphase eines heißen Krieges das Völkerrecht so häufig und skrupellos gebrochen und wurde die Weltöffentlichkeit so intensiv  und leider weitgehend erfolgreich manipuliert. Und selten wurde der Feind im Vorfeld eines Krieges so wirkungsvoll und nachhaltig dämonisiert wie Saddam Hussein, wurde die internationale Mitverantwortung für die Verbrechen des Feindes und für das Problem, das jetzt durch einen Krieg »gelöst« werden soll, so tief verdrängt.

    Die Dämonisierung und die Verdrängung begannen bereits mit dem letzten Golfkrieg. Präsident George Bush sen. verglich Saddam Hussein mit Adolf Hitler. Auch der deutsche Linksintellektuelle Hans-Magnus Enzensberger malte den Diktator vom Tigris als »Hitlers Wiedergänger«. Richtig ist: Saddam Hussein ist ein blutrünstiger Diktator und verantwortlich für die fürchterlichsten Menschenrechtsverletzungen, die unter internationalen Normen definiert sind. Ob sein Regime nun das schlimmste auf Erden ist, wie in den letzten Monaten manche behaupten, die auf Krieg drängen, oder »nur« eines der schlimmsten, ist müßig und wahrscheinlich auch kaum zu verifizieren. Entscheidend ist: Saddam Husseins Charakter und seine Greueltaten waren nie ein Geheimnis. Seit seinem Aufstieg zur Macht in Bagdad konnte und mußte jeder, der ihn politisch unterstützte, mit ihm Geschäfte machte oder ihm Waffen verkaufte, genau wissen, mit wem er zu tun hatte. Und besonders enge Kontakte und Beziehungen hatte Saddam Hussein seit Mitte der 60er Jahre zu Geheimdienstlern, Politikern, Diplomaten und Militärs aus den USA.
    Als sich Saddam Hussein 1979 mit kräftiger Unterstützung der CIA an die Spitze des Regimes geputscht hatte, kabelte der Stationschef des Geheimdienstes in der Bagdader US-Botschaft diese Erfolgsmeldung an die CIA-Zentrale in Langley, Virginia: »Ich weiß, Saddam Hussein ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn.« Zbigniew Brzezinski, der bis heute in Washington sehr einflußreiche Sicherheitsberater von Präsident Jimrny Carter (1976-1980), nahm die Formulierung vom »Hundesohn Hussein« ausdrücklich auf, als er Carter nach dem Sturz des Schah von Iran durch schiitische Ayatollahs dringend die Annäherung an Saddam Husseins Irak empfahl. Robert Gates, Direktor des Geheimdienstes CIA ab 1991, erklärte nach seiner Pen-sionierung in einem Fernsehinterview, Washington habe »nie irgendwelche Illusionen über Saddam Hussein gehabt«. Der Mann sei »kein Demokrat, kein Agrarreformer, sondern ein ganz gemeiner Verbrecher«. Gates muss es wissen. Als CIA-Agent und Protege seines Vorgängers auf dem Direktorenstuhl, William Casey, sorgte Gates in den frühen 80erJahren dafür, daß Saddam Hussein die Technologie zur Herstellung der gefürchteten Streubomben erhielt. Im ersten Golfkrieg (1980-1988) setzten Saddams Generäle diese Streubomben dann gegen die zahlenmäßig überlegenen iranischen Truppen ein - mit verheerender Wirkung.
    Detaillierte Berichte über die schweren Menschenrechtsverletzungen unter dem Regime von Saddam Hussein werden von Amnesty International (AI) seit Anfang der 80er Jahre veröffentlicht. Doch damals stieß AI mit diesen Berichten bei den Regierungen, die heute auch die Menschenrechtsverletzungen als Begründung für einen Krieg gegen Irak anführen, auf taube Ohren. Als die britische Regierung Saddam Hussein in einem Anfang Dezember 2002 veröffentlichten Bericht » systematischen Terror« gegen das irakische Volk vorwarf, kritisierte Amnesty International den Zeitpunkt der Veröffentlichung und hielt der Regierung Blair vor, das Thema Menschenrechte zur Propaganda für einen Krieg gegen Irak zu mißbrauchen. »Diese selektive Aufmerksamkeit für Menschenrechtsverstöße im Irak ist nichts weiter als eine kalte und kalkulierte Manipulation der Arbeit von Menschenrechtsaktivisten«, erklärte die Generalsekretärin der Londoner AI-Zentrale, Irene Khan.
    In den 80erJahren war Saddam Hussein engster Verbündeter des Westens und der Sowjetunion im Mittleren Osten. Kritik an seinen schweren Menschenrechtsverletzungen hätte dieses Bündnis nur gestört. Für seinen Krieg gegen den Iran nach der islamischen Revolution von 1979 erhielt Saddam Hussein aus West und Ost all die Waffen und Raketen sowie die Grundstoffe, Bauteile, das Know-how und die Produktionskapazitäten für die Massenvernichtungswaffen, deren angeblich fortgesetzte Existenz im Irak oder erneute Beschaffung und Entwicklung seit dem Abzug der UNO-Inspekteure im Dezember 1998 heute als Hauptbegründung für einen dritten Golfkrieg dienen. Die meisten Firmen und Waffenlabors, die Saddam Husseins Aufrüstungsprogramm ab Ende der 70er Jahre zulieferten, waren in Deutschland (West) und in den USA zu Hause. Die Mehrzahl dieser Lieferungen verstieß gegen internationale Rüstungskontrollabkommen oder gegen nationale Exportverbote. Dennoch erfolgten sie häufig mit Wissen, Duldung oder gar mit offiziellen Lizenzen und unter aktiver Förderung der Administrationen Reagan und Bush sen. in Washington; auch deutsche Regierungsstellen unter den Bundeskanzlern Helmut Schmidt und Helmut Kohl waren in viele Vorgänge dieser Art eingeweiht.
    Die umfangreichen Zulieferungen deutscher Unternehmen zum Chemiewaffenprogramm Saddam Husseins wurden auch nach dem Giftgasmassaker der irakischen Luftwaffe an 6.800 Kurden in Halabscha im März 1988, das ein Akt des Völkermordes war, von den Unternehmen nicht beendet und von der Bundesregierung nicht unterbunden. »Ein paar tote Iraker interessieren unsere Aktionäre nicht«, erklärte nach dem Völkermord von Halabscha der Geschäftsführer der deutschen Firma mit dem seinerzeit größten Lieferumfang für das irakische C-Waffenprogramm. Um ihren Verbündeten Saddam Hussein vor internationaler Kritik zu schützen, wies die US-Regierung ihre Diplomaten damals an zu verbreiten, Iran sei für das Massaker von Halabscha verantwortlich. Das geht aus Ende 2002 veröffentlichten Geheimdokumenten des US-Außenministeriums aus dem März 1988 hervor. Der heutige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld weilte als Sonderbeauftragter von Präsident Reagan für den Mittleren Osten in der ersten Hälfte der 80erJahre mehrfach zur Vereinbarung von Rüstungsgeschäften bei Saddam Hussein in Bagdad. George Bush sen. war bereits als CIA-Chef Mitte der 70er Jahre und später als Vize von Präsident Ronald Reagan (1980-1988) aktiv in die US-amerikanischen Bemühungen zur Aufrüstung des Regimes in Bagdad involviert. Die Satelliten-Zieldaten für den Einsatz chemischer Waffen gegen iranische Truppen erhielt Saddam Hussein vom Pentagon.
    All diese häßlichen Tatsachen sind bestens dokumentiert. In den Reports der UNO-Waffeninspekteure (UNSCOM), die den Irak zwischen 1991 und 1998 durchsuchten; in Akten des amerikanischen Kongresses und in dem Waffenbericht, den die irakische Regierung Anfang Dezember 2002 dem UNO-Sicherheitsrat übergab. Die Teile des Berichtes mit den Informationen über ausländische Zulieferungen zu Saddam Husseins Rüstungsprogramm liegen allerdings nur den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates vor. Auch die UNSCOM-Reports sind weiterhin unter Verschluß. Darauf bestehen nicht nur die fünf ständigen Ratsmitglieder, sondern auch Deutschland und einige weitere UNO-Staaten, deren Firmen in den Reports eine prominente Rolle spielen.
    Bis heute wurde das dunkle Kapitel der engen Kooperation mit dem Diktator Saddam Hussein weitgehend verdrängt.
    In den USA noch mehr als in Deutschland. Den Managern ein paar weniger Firmen wurde der Prozeß gemacht. Einige der Angeklagten wurden auch verurteilt. Doch die Aufarbeitung der politischen Verantwortung für die ausländische Beihilfe zu Saddam Husseins Aufrüstung mit Massenvernichtungswaffen und zu den von seinem Regime verübten Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschheit ist bis heute noch nicht einmal versucht worden. Die Dämonisierung Saddam Husseins als Wiedergänger Hitlers Anfang 1991 erleichterte die Ver-drängung. Auch die Verdrängung der bis heute völlig unaufgeklärten Kriegsverbrechen der US-amerikanischen Streitkräfte im Golfkrieg, darunter das Massaker an mutmaßlich mehreren zehntausend auf dem Rückzug befindlichen irakischen Soldaten entlang der Wüstenstraße zwischen Basra und Bagdad.
    Die Dämonisierung des Diktators Saddam Hussein hat im Laufe der letzten zwölf Jahre auf das ganze Land übergegriffen. »Der Irak« ist zum Feindbild geworden. Am meisten davon betroffen ist die Zivilbevölkerung. Es gibt in der Welt kaum irgendwo Empathie für die 23 Millionen Iraker. Nur so ist erklärbar, daß die verheerenden Folgen, die die umfassenden Wirtschaftssanktionen der UNO für die Menschen in dem auch immer noch von den Zerstörungen des letzten Golfkrieges betroffenen Land haben, immer noch auf ein so geringes Interesse stoßen. Dasselbe gilt für die entsetzlichen Auswirkungen des Einsatzes von Munition mit abgereichertem Uran im letzten Golfkrieg, den die US-Streitkräfte ausdrücklich auch für den nächsten Krieg einplanen. Wie, wenn nicht mit mangelnder Empathie für die Menschen im Irak, ist es sonst erklärbar, daß die Erklärung aus dem Mund der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright, die Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der UNO-Sanktionen rechtfertige auch den Tod von über einer halben Million irakischer Kleinkinder, nicht weltweit auf einen Aufschrei der Empörung gestoßen ist und keinerlei politische Konsequenzen für Albright hatte?
    Als Hans von Sponeck 1998 von UNO-Generalsekretär Kofi Annan zum Koordinator für die humanitären UNO-Programme im Irak ernannt wurde, war ihm das Ausmaß der menschlichen Katastrophe in dem Land noch nicht bewußt.
     
  2. maiden

    maiden Lever duat us slav

    Zwei Jahre später ist von Sponeck zurückgetreten - aus Protest gegen die Politik des UNO-Sicherheitsrates und insbesondere seiner zwei ständigen Mitglieder USA und Großbritannien. Wie bereits sein Vorgänger Denis Halliday sowie - gemeinsam mit von Sponeck  die Leiterin des Welternährungsprogramms in Bagdad, Jutta Burghardt. Alle drei werfen dem UNO-Sicherheitsrat inzwischen vor, mit der Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen das Völkerrecht zu verstoßen und einen Akt des Völkermordes am irakischen Volk zu begehen.
    Der Rücktritt der drei UNO-Funktionäre war die größte interne Revolte in der bisherigen Geschichte der Weltorganisation. Aber bislang hat sie zumindest keine erkennbaren Konsequenzen. Die Wirkung der Dämonisierung Saddam Husseins auf das Bewußtsein der internationalen Gemeinschaft ist stärker. Und zugleich waren die Sanktionen das wirksamste Mittel, um das Regime von Saddam Hussein unter Kontrolle und gleichzeitig an der Macht zu halten. Insbesondere für die USA hat ein Saddam Hussein, der in Bagdad an der Macht ist, in den letzten zwölf Jahren eine wichtige Funktion erfüllt. Unter Verweis auf die angeblich von seinem Regime ausgehende Bedrohung konnten die USA seit 1991 Waffen im Wert von über 100 Milliarden US-Dollar an Israel, Saudi-Arabien und andere Staaten der Region verkaufen. Und auch in der innenpolitischen Debatte Amerikas war der Verweis auf den Schurkenstaat Irak nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der Sowjetunion eines der wichtigsten Argumente der Befürworter einer fortgesetzten Atombewaffnung und -rüstung.
    Doch jetzt hat Saddam Hitler seine Schuldigkeit getan. Die politischen Rahmenbedingungen für den fortgesetzten Einfluß und die Kontrolle der USA über den Mittleren Osten und seine reichen Ölvorkommen haben sich verändert. Nicht erst seit dem 11. September 2001. Bei den aus Washingtoner Sicht notwendigen Neuordnungen in der Region steht der Diktator von Bagdad im Weg. Richard Perle, Vize-Verteidigungsminister unter Präsident Ronald Reagan in den 80er Jahren und heute als Vorsitzender des wichtigsten Beratungsgremiums für das Pentagon einer der einflußreichsten Männer in Washington, hat dies schon im Jahre 1996 klar formuliert. In einem Beratungspapier für den damals gerade gewählten israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu plädierte Perle für einen »klaren Bruch« (»a clean break«) mit der damaligen Nahostpolitik und für eine »Neue Strategie zur Erhaltung der Vorherrschaft« der USA und Israels in der Region.

    Punkt eins des Beratungspapiers: Israel solle den Oslo-Friedensprozess mit den Palästinensern beenden, sich nicht mehr auf ähnliche Verhandlungen einlassen und seine Interessen gegenüber den Palästinensern wie den arabischen Staaten kompromißlos durchsetzen.

    Punkt zwei: Ausgehend von der Analyse, daß die innenpolitischen Konflikte in Saudi-Arabien früher oder später zu einer ähnlichen Explosion führen könnten wie 1979 im
    Iran, dringt Perle darauf, daß die USA ihren geopolitischen Verbündeten und verläßlichen Öl-Lieferanten Saudi Arabien rechtzeitig durch den Irak ersetzen. Dem dafür erforderlichen Sturz nicht nur Saddam Husseins, sondern des gesamten Regimes der Baath-Partei im Irak werde - so Perles Prognose - als Domino-Effekt über kurz oder lang der Kollaps des Baath-Regimes in Syrien folgen. Damit gerate dann auch der Libanon endlich wieder unter die volle Kontrolle Israels und damit der USA. Zum Schluß seines Beratungspapiers aus dem Jahr 1996, das sich wie eine Blaupause für die seitdem eingetretene Entwicklung in der Region liest, plädiert Perle dafür, daß die USA für das 21. Jahrhundert im Mittleren Osten eine » strategische Achse formen mit den beiden einzigen Demokratien der Region, Israel und der Türkei«.
    1997 wurde in Washington die »Projektgruppe für ein neues Amerika« aus der Taufe gehoben. Gründungsmitglieder waren neben Richard Perle zehn Männer, die inzwischen hochrangige Posten in der Bush-Administration besetzen: darunter Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und sein Vize Paul Wolfowitz, der stellvertretende Außenminister Richard Armitage, der für Rüstungskontrolle zuständige Staatssekretär im State Department, John Bolton, sowie der Sonderbeauftragte des Weißen Hauses für die Beziehungen zur irakischen Opposition, Zalmay M. Khalilzad. Eine der ersten Initiativen der Gruppe war Anfang 1998 ein Brief an den damaligen Präsidenten Bill Clinton mit der Forderung, die Regierung in Washington solle » damit beginnen, eine Strategie zur Beseitigung von Saddams Regime umzusetzen«.
    Seit sie im Januar 2001 selbst in wichtige Regierungsämter beziehungsweise auf einflußreiche Beraterposten gekommen waren, trieben die Mitglieder der »Projektgruppe für ein neues Amerika« das Ziel des »Regimewechsels« in Bagdad konsequent voran. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 schufen die Möglichkeit, die Beseitigung des Regimes in Bagdad als einen notwendigen Teil des Krieges gegen den Terrorismus darzustellen. Wesentlich unter dem Einfluß von Cheney und Rumsfeld fügte Präsident Bush seinem (erst Mitte Januar 2002 bekannt gewordenen) geheimen Exekutivbefehl vom 17. September 2001, mit dem er den Kommandeuren der US-Streitkräfte die Vorbereitung des Krieges gegen das Al-Quaida-Netzwerk und das Taliban-Regime in Afghanistan befahl, einen zweiten Absatz zu. In diesem Absatz gab Bush den Kommandeuren die Order, Szenarien für einen Krieg gegen Irak auszuarbeiten. Bereits in den folgenden Tagen fanden im Pentagon unter Teilnahme von Minister Rumsfeld intensive Diskussionen statt über das Vorhaben, Saddam Hussein zu stürzen.
    In seiner »State oft he Union«-Rede vom 28. Januar 2002 machte Präsident Bush bereits deutlich, mit welcher öffentlichen Begründung der Krieg gegen das Regime von Saddam Hussein einst geführt werden sollte. Der Präsident erklärte: »Staaten wie Irak, Iran und Nordkorea und ihre terroristischen Verbündeten bilden eine Achse des Bösen. Sie bewaffnen sich, um den Weltfrieden zu bedrohen. Das Bemühen dieser Regime um Massenvernichtungswaffen bedeutet eine schwerwiegende und wachsende Gefahr. Sie könnten diese Waffen an Terroristen weitergeben. Ich werde dieser wachsenden Gefahr nicht tatenlos zuschauen.«
    Etwas im Weg stand dem Vorhaben eines Krieges gegen Irak mit dem Ziel einer Beseitigung der Regierung in Bagdad zunächst noch das Völkerrecht. In einer frühen Phase der Kriegsplanungen argumentierte die Bush-Administration, die nach dem letzten Golfkrieg verabschiedete Resolution 687 des UNO-Sicherheitsrates vom 3. April 1991 sei eine ausreichende völkerrechtliche Grundlage für einen erneuten Krieg. In dieser Resolution hatte der Sicherheitsrat Bagdad die Auflage zur Abrüstung aller Massenvernichtungswaffen und ballistischen Raketen unter internationaler Kontrolle gemacht und zur Durchsetzung dieser Forderung die ursprünglich nach der irakischen Invasion in Kuweit Anfang August 1990 verhängten umfassenden Wirtschaftssanktionen verlängert. Mit dieser Resolution sei der Golfkrieg nicht beendet, sondern lediglich ein Waffenstillstand etabliert worden, argumentierte die Bush-Administration noch bis zum Mai 2002. Da Bagdad sich aber nicht an diese Waffenstillstands-Vereinbarung gehalten habe, hätten die USA und andere hierzu willige Staaten das Recht, den seinerzeit ja vom UNO-Sicherheitsrat mandatierten Krieg gegen Irak wieder aufzunehmen.
    Doch das Mandat zur Anwendung militärischer Maßnahmen gegen Irak, das der Sicherheitsrat mit seiner Resolution 678 vom 29. November 1990 erteilt hatte, bezog sich ausschließlich auf das Ziel, die Besetzung Kuweits durch irakische Truppen rückgängig zu machen. Auf diesen Umstand machte der britische Premierminister Tony Blair Präsident Bush im Mai 2002 aufmerksam. Blair empfahl Bush dringend, bei den Vorbereitungen für den Krieg gegen Irak zumindest zunächst einmal den Weg über die UNO einzuschlagen und eine neue UNO-Resolution anzustreben. Diese Linie wurde in Washington auch von Außenminister Colin Powell vertreten. Nach längeren regierungsinternen Auseinandersetzungen mit Rumsfeld, Wolfowitz und anderen Mitgliedern der Administration, die das Bemühen um eine neue UNO-Resolution für Zeiverschwendung hielten, setzte sich die Linie Powells schließlich durch. Am 12. September 2002 verkündete Präsident Bush vor der UNO-Generalversammlung, die USA würden sich um eine neue Irak-Resolution des Sicherheitsrates bemühen. Doch der Versuch Washingtons und Londons, bereits in dieser Resolution eine ausdrückliche Ermächtigung zum Krieg gegen Irak zu verankern, sollte Bagdad die mit dieser Resolution verfügten Auflagen nicht
    erfüllen, scheiterte am Widerstand der drei anderen ständigen Ratsmitglieder Frankreich, Russland und China. Sie lehnten einen Automatismus hin zum Krieg ab und bestanden darauf, daß militärische Maßnahmen in jedem Fall eine weitere Resolution erforderten.
    Die schließlich am 8. November 2002 verabschiedete Resolution 1441 des Sicherheitsrates formuliert in dieser Frage einen Kompromiß. Zwar werden militärische Maßnahmen gegen Irak nicht von einer weiteren Resolution mit einer ausdrücklichen Ermächtigung abhängig gemacht. Aber die Resolution 1441 legt fest, daß nur der Sicherheitsrat als Gremium, nicht aber ein einzelnes Ratsmitglied »schwerwiegende Verstöße« Iraks gegen die Auflagen der Resolution feststellen kann. Über etwaige Maßnahmen nach einer solchen Feststellung sollen dann »Konsultationen unter den Mitgliedern des Rates« stattfinden. Zudem wird in der Resolution 1441 festgelegt, daß ein »schwerwiegender Verstoß« Iraks erst dann vorliegt, wenn Bagdad weiterhin Massenvernichtungsmittel besitzt und zugleich auch die UNO-Waffeninspekteure der UNMOVIC behindert.
    Die Bush-Admininistration interpretiert - unterstützt von der Regierung Blair - die Resolution 1441 dennoch als ausreichende Grundlage für einen Krieg. Hinter den Kulissen übte Washington erheblichen Druck auf Deutschland und andere nichtständige Ratsmitglieder aus, sich dieser Interpretation anzuschließen.

    Von Andreas Zumach Genf, 22. Januar 2003
    Aus:
    Irak  Chronik eines gewollten Krieges
    Hans von Sponeck und Andreas Zumach

    Kiepenheuer und Witsch
     
  3. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    schöne Arbeit Maiden .

    nur McXox wird dies nie lesen.

    Sind mehr als drei Worte.

    Traurig , aber wahr.
     
  4. maiden

    maiden Lever duat us slav

    wirst vermutlich Recht haben, leider. Und er wird nicht der einzige sein.
     
  5. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    Nee, c&v , Autor und Titel sind genannt
     
  6. maiden

    maiden Lever duat us slav

    richtig. Es stammt aus der Einleitung des Buches
     
  7. Harlequin

    Harlequin Gast

    Nicht geklaut - zitiert, guter Text.

    Wenn es um Details geht, hoert man von den Mitlaeufern nichts. Viele Leute wollen die Wahrheit gar nicht wissen, weil diese droht ihr kleinbuergerliches Weltbild zu erschuettern, Ignoranz ist da schon bequemer. Und ab und zu ein verschaemtes klingelingeling . . .

    .
     
  8. Harlequin

    Harlequin Gast

    Aahhh(!). Fertige vielleicht mal eine MP-Legende an, blicke bei Deinen Symbolen und kurz Signaturen nicht mehr so recht durch.

    . ®©
     
  9. RaMa

    RaMa New Member

    >>die Wahrheit

    kennen weder der herr Andreas Zumach, du noch ich...ich denke die wahrheit kennen nur ganz wenige personen...

    einen schönen guten morgen

    ra.ma.
     
  10. Haegar

    Haegar New Member

  11. mikrokokkus

    mikrokokkus New Member

    "Wahrheit ist eine Konstruktion vom Standpunkt des Beobachters aus."
    (Paul Watzlawick)
     
  12. Macowski

    Macowski New Member

    in vino veritas
     
  13. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Da kündet der Richtige von Verwirrung...
    ;)
     
  14. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Man kann entweder blind den Demagogen glauben oder wenigstens versuchen sich ein intersubjektives Bild zu machen...
    :)
     
  15. RaMa

    RaMa New Member

    "Die meisten unserer heutigen Wahrheiten haben so kurze Beine, daß sie gerade so gut Lügen sein könnten."
    Egon Friedell

    das kann ich auch :)
     
  16. RaMa

    RaMa New Member

    >>intersubjektives Bild
    im grundegenommen ein bild welches der anderen fraktion entspricht?

    das hat aber auch sowas von gar nix mit wahrheit zu tun :)
     
  17. Schlage intersubjektiv einfach mal im Lexikon nach :)
     
  18. maiden

    maiden Lever duat us slav

    vielleicht mag es dem Brotaufstrich ja für die Beurteilung der "Wahrheit" genügen, einen etwas tieferen Blick in den Text und die Autorenangaben zu wagen.
    Hans von Sponeck ist der ehemalige Leiter des UN-Hilfsprogramms in Bagdad. Wenn also jemand die Wahrheit kennt, dann er, der vor Ort gearbeitet hat. Seine Ausführungen decken sich im Übrigen mit den Aussagen anderer, die das Thema recherchiert haben oder die ebenfalls vor Ort gearbeitet haben, so auch denen eines Scott Ritter, der als Chef-Inspekteur im Irak tätig war.. Wie seine beiden Amtsvorgänger ist auch Sponeck aus Protest gegen die Beeinflussung der britischen und der amerikanischen Regierungsvertreter und ihrer Mittelsmänner bei der UNO auf die Politik des Hilfsprogramms und aus Protest gegen die brutalen Auswirkungen des Embargos gegen den Irak zurückgetreten.

    Außerdem beziehen sich wichtige und wesentliche Argumentationen in den einschlägigen Publikationen zum Thema und in diesem Buch auf nachprüfbares Wissen und auf zum Teil öffentlich zugängliche Dokumente aus Untersuchungsausschüssen des amerikanischen Kongresses, französicher, britischer Geheimdienste und Berichten der UNO. Aussagen von Angehörigen u. a. der Regierungen der USA und GB sind Dokumentiert. Andere Fakten wurden von Medien recherchiert und dokumentiert. Wie z. B. die Tatsache, wie die US-Regierung nichtwillige Staaten bereits im Vorfeld des letzten Golfkrieges unter Druck gesetzt hat und bei einer peinlichen Panne, wo die Mikrofone noch nicht abgeschaltet waren, umittelbar nach der Abstimmung über die Kriegsermächtigungsresolution 678 der amerikanische UNO-Botschafter Thomas Pickering zu seinem jemenitischen Amtskollegen sagte:"Dies war die teuerste Nein-Stimme, die sie je gegeben haben." Zwei Tage später strich die Administration von George Bush sen. dem Jemen sämtliche Hilfsgelder in Höhe von 70 Millionen US-Dollar. Wegen der nichtabgeschalteten Microfonanlge konnten Journalisten diese Aussage dokumentieren. Die Politik amerikanischer Regierungen, die erlassenen Gesetze zum Kampf gegen den Terror, die Ergebnisse diverser Untersuchungsausschüsse des amerik. Kongresses, Recherchen der Medien und Publikationen derer, die vor Ort arbeiteten oder noch arbeiten, die Lügen der amerik. Regierung zur Rechtfertigung des kommenden Krieges, die Informationen darüber, wie wieder einmal Druck auf Nichtwillige ausgeübt wird,
    alles zusammen ergibt ein Gesamtbild, das sich logisch und erklärbar mit der derzeitigen Situation deckt.
    Aber wie Harlequin schon bemerkte, es gibt Wahrheiten, die will man nicht wissen, weil sie unbequem sind.
     
  19. RaMa

    RaMa New Member

    warum?
     
  20. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    >Aber wie Harlequin schon bemerkte, es gibt Wahrheiten, die will man nicht wissen, weil sie unbequem sind.

    Ja, z.B. dass man Höhensonne mit einem Umlaut schreibt!
    ;)
     

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