Lese-Ecke (Teil 1): Einstein

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von Thine, 3. September 2004.

  1. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Albert Einstein
    aus: Mein Weltbild. Humanität – die höchste Pflicht.
    Hrsg. Carl Seelig
    Erstdruck: Amsterdam 1934
    Ullstein / West-Berlin 1957




    Wie ich die Welt sehe (Auszug)

    An Freiheit des Menschen im philosophischen Sinne glaube ich keineswegs. Jeder handelt nicht nur unter äußerem Zwang, sondern auch gemäß innerer Notwendigkeit. Schopenhauers Spruch: ‚Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will‘, hat mich seit meiner Jugend lebendig erfüllt und ist mir beim Anblick und beim Erleiden der Härten des Lebens immer ein Trost gewesen und eine unerschöpfliche Quelle der Toleranz. Dieses Bewußtsein mildert in wohltuender Weise das leicht lähmend wirkende Verantwortungsgefühl und macht, dass wir uns selbst und die andern nicht gar zu ernst nehmen; es führt zu einer Lebensauffassung, die auch besonders dem Humor sein Recht lässt.
    Nach dem Sinn oder Zweck des eigenen Daseins der Geschöpfe überhaupt zu fragen, ist mir von einem objektiven Standpunkt aus stets sinnlos erschienen (ich nenne diese ethische Basis auch Ideal der Schweineherde). Meine Ideale, die mir voranleuchteten und mich mit frohem Lebensmut immer wieder erfüllten, waren Güte, Schönheit und Wahrheit. Ohne das Gefühl von Übereinstimmung mit Gleichgesinnten, ohne die Beschäftigung mit dem Objektiven, dem ewig Unerreichbaren auf dem Gebiet der Kunst und des wissenschaftlichen Forschens wäre mir das Leben leer erschienen. Die banalen Ziele menschlichen Strebens: Besitz, äußerer Erfolg, Luxus, erschienen mir seit meinen jungen Jahren verächtlich.
    Mein leidenschaftlicher Sinn für soziale Gerechtigkeit und soziale Verpflichtung stand stets in einem eigentümlichen Gegensatz zu einem ausgesprochenen Mangel an unmittelbarem Anschlussbedürfnis an Menschen und an menschliche Gemeinschaften. Ich bin ein richtiger ‚Einspänner‘, der dem Staat, der Heimat, dem Freundeskreis, ja, selbst der engeren Familie nie mit ganzem Herzen angehört hat, sondern all diesen Bindungen gegenüber ein nie sich legendes Gefühl der Fremdheit und des Bedürfnisses nach Einsamkeit empfunden hat, ein Gefühl, das sich mit dem Lebensalter noch steigert. Man empfindet scharf, aber ohne Bedauern die Grenze der Verständigung und Konsonanz mit anderen Menschen. Wohl verliert ein solcher Mensch einen Teil der Harmlosigkeit und des Unbekümmertseins, aber er ist dafür von den Meinungen, Gewohnheiten und Urteilen der Mitmenschen weitgehend unabhängig und kommt nicht in die Versuchung, sein Gleichgewicht auf solch unsolide Grundlage zu stellen.



    Gemeinschaft und Persönlichkeit (Auszug)

    Wenn wir über unser Leben und Streben nachdenken, so bemerken wir bald, dass fast all unser Tun und Wünschen an die Existenz anderer Menschen gebunden ist. Wir bemerken, dass wir unserer ganzen Art nach den gesellig lebenden Tieren ähnlich sind. Wir essen Speisen, die von anderen Menschen erzeugt sind, wir tragen Kleidungsstücke, die andere Menschen hergestellt haben, und bewohnen Häuser, die andere Menschen gebaut haben. Das meiste, was wir wissen und glauben, haben uns andere Menschen mitgeteilt mittels einer Sprache, die andere geschaffen haben. Unser Denkvermögen wäre ohne Sprache gar ärmlich, dem der höheren Tiere vergleichbar, so dass wir wohl gestehen müssen, dass dasjenige, was wir vor den Tieren in erster Linie voraushaben, unserem Leben in Gemeinschaft zu verdanken haben. Der einzelne – von Geburt an allein gelassen – würde in seinem Denken und Fühlen tierähnlich-primitiv bleiben in einem Maß, das wir uns nur schwer vorzustellen vermögen. Was der einzelne ist und bedeutet, ist er nicht so sehr als Einzelgeschöpf, sondern als Glied einer großen menschlichen Gemeinschaft, die sein materielles und seelisches Dasein von der Geburt bis zum Tod leitet.
    Was ein Mensch für seine Gemeinschaft wert ist, hängt in erster Linie davon ab, inwieweit sein Fühlen, Denken und Handeln auf die Förderung des Daseins anderer Menschen gerichtet ist. Je nach der Einstellung eines Menschen in dieser Beziehung pflegen wir ihn als gut oder schlecht zu bezeichnen. Es sieht auf den ersten Blick so aus, wie wenn die sozialen Eigenschaften eines Menschen allein für seine Beurteilung maßgebend wären.
    Und doch wäre eine solche Auffassung nicht richtig. Es lässt sich leicht erkennen, dass alle die materiellen, geistigen und moralischen Güter, die wir von der Gesellschaft empfangen, im Lauf der unzähligen Generationen von schöpferischen Einzelpersönlichkeiten herstammen. Einer hat einmal den Gebrauch des Feuers, einer den Anbau von Nährpflanzen, einer die Dampfmaschine erfunden.
    Nur das einzelne Individuum kann denken und dadurch für die Gesellschaft neue Werte schaffen, je selbst neue moralische Normen aufstellen, nach welchen sich das Leben der Gesellschaft vollzieht. Ohne schöpferische, selbständig denkende und urteilende Persönlichkeiten ist eine Höherentwicklung der Gesellschaft ebensowenig denkbar wie die Entwicklung der einzelnen Persönlichkeit ohne den Nährboden der Gemeinschaft.
    Eine gesunde Gesellschaft ist also ebenso an Selbständigkeit der Individuen geknüpft wie an deren innige soziale Verbundenheit. Es ist mit viel Berechtigung gesagt worden, dass die griechisch-europäisch-amerikanische Kultur überhaupt, im besonderen die Kulturblüte der die Stagnation des Mittelalters in Europa ablösenden italienischen Renaissance, auf der Befreiung und auf der relativen Isolierung des Individuums beruhe.
    Blicken wir nun auf die Zeit, in der wir leben! Wie steht es mit der Gemeinschaft, wie mit der Persönlichkeit? Die Bevölkerung in den Kulturländern ist gegenüber früheren Zeiten ungemein dicht; Europa beherbergt heute ungefähr dreimal soviel Menschen als vor hundert Jahren. Aber die Zahl der Führernaturen hat unverhältnismäßig abgenommen. Nur wenige Menschen sind durch ihre produktive Leistung den Massen als Persönlichkeit bekannt. Organisation hat bis zu einem gewissen Maße die Führernaturen ersetzt, besonders auf dem Gebiet der Technik, aber in einem recht fühlbaren Grad auch auf dem Gebiet der Wissenschaft.
    Besonders empfindlich macht sich der Mangel an Individualitäten auf dem Gebiet der Kunst bemerkbar. Malerei und Musik sind deutlich degeneriert und haben ihre Resonanz im Volke weitgehend verloren. In der Politik fehlt es nicht nur an Führern, sondern die geistige Selbständigkeit und das Rechtsgefühl des Bürgers sind weitgehend gesunken. Die demokratische, parlamentarische Organisation, welche eine solche Selbständigkeit zur Voraussetzung hat, ist an vielen Orten ins Wanken geraten; Diktaturen sind entstanden und werden geduldet, weil das Gefühl für die Würde und das Recht der Persönlichkeit nicht mehr genügend lebendig ist. In zwei Wochen kann durch die Zeitungen die urteilslose Menge in irgendeinem Lande in einen Zustand solcher Wut und Aufregung versetzt werden, dass die Männer bereit sind, als Soldat gekleidet zu töten und sich töten zu lassen für die nichtswürdigen Ziele irgendwelcher Interessenten. Die militäre Dienstpflicht scheint mir das beschämendste Symptom für den Mangel an persönlicher Würde zu sein, unter dem unsere Kulturmenschheit heute leidet. Dementsprechend fehlt es nicht an Propheten, welche unserer Kultur den baldigen Untergang prophezeien. Ich gehöre nicht zu diesen Pessimisten, sondern glaube an eine bessere Zukunft. Diese Zuversicht möchte ich noch kurz begründen:
    Die gegenwärtigen Verfallserscheinungen beruhen nach meiner Meinung darauf, dass die Entwicklung der Wirtschaft und Technik den Daseinskampf der Menschen sehr verschärft hat, so dass die freie Entwicklung der Individuen schweren Schaden gelitten hat. Die Entwicklung der Technik fordert aber von dem Individuum immer weniger Arbeit für die Befriedigung des Bedarfs der Gesamtheit. Eine planvolle Verteilung der Arbeit wird immer mehr zur gebieterischen Notwendigkeit, und diese Verteilung wird zu einer materiellen Sicherung der Individuen führen. Diese Sicherung aber sowie die freie Zeit und Kraft, die dem Individuum übrigbleiben werden, vermögen der Entwicklung der Persönlichkeit günstig zu sein. So kann die Gemeinschaft wieder gesunden, und wir wollen hoffen, dass spätere Historiker die sozialen Krankheitserscheinungen unserer Zeit als Kinderkrankheiten einer höherstrebenden Menschheit deuten werden, die lediglich durch zu rasches Tempo des Kulturprozesses veranlasst waren.





    Um 1930 geschrieben. 1931 in englischer Fassung im 13. Band der "Living Philosophies" (New York) abgedruckt.
     
  2. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Ich werde hier mal von Zeit zu Zeit, zum Beispiel wöchentlich, ein paar Texte reinstellen. Man nehme sich einen Sessel, knautsche sich bequem rein und lese einfach.

    Es werden ganz unterschiedliche Texte sein: mal eine lustige Kurzgeschichte, mal ein Spruch, mal ein längerer Essay über ein Thema, mal eine Passage aus der Zeitung ...

    Wenn man will, lese man, wenn man will, sage man, was man darüber denkt und fühlt (bevor man sich den Kopf zerwühlt), wenn man nicht will, sage man gar nix, wenn man keinen Bock verspürt, bleibe man einfach fern. Es ist eben nur eine Lese-Ecke.

    :)
     
  3. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Einstein als "Stecken und Stab" oder als Schutzschild, damit die Thine fein raus ist? :klimper:













    P.S.
    Achso, nur ne Leseecke zur Erbauung. Dann muss ich ja nicht sagen, dass mir der Text zuviel Sowohl-Als-Auch enthält. :cool:
     
  4. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Ich und fein raus, nur weil ich die diese Worte gelesen habe? Nie und nimmer. Aber ich gebe zu, dass ich nur Texte hier reinstellen werde, mit denen ich was anfangen kann. Und das heißt nicht von Vornherein, dass ich mit jedem Wort übereinstimme. ;)

    Vielleicht ist es sogar wichtig, dass ich das nochmal betone.

    Ja, "nur" eine Lese-Ecke vs. virtuelles Bücherregal soll es sein. Man mag draus machen, was man will.
     
  5. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Ich hatte deine Textauswahl in Verbindung mit deinem "Engagement" beim Pressefreiheits-Thread gesehen und gewisse Übereinstimmungen der Einsteinschen Sicht der Dinge mit der deinen gesehen...

    Aber nun denn, wenn es nicht so ist, dann bist du auch nicht fein raus. :bart:


    Und ich bin jetzt gleich fein drin - in meiner Schlafstatt.
     
  6. Thine

    Thine mit Eisenschwein

  7. akiem

    akiem New Member

    lesen ohne bilder?

    sorry das interessiert mich nicht.
     
  8. druckpilz

    druckpilz New Member

    für dich...
     
  9. Macziege

    Macziege New Member

    Moin,

    danke Thine, ich freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag. Der vorstehende hat mir einen Augenblick der Besinnung geschenkt, für den ich sehr dankbar bin. Die Analyse Einsteins ist zutreffend, aber leider durch die heutige Zeit bereits negativ überholt worden.

    Etwas mehr hätte ich erwartet zu Visionen in die Zukunft der Menschheit. Da hat sich Einstein etwas zu vornehm zurückgehalten. Gut, er war Wissenschaftler, kein Philosoph. Trotzdem hätte ich gerne mit seiner ausführlichen Meinung dazu auseinandergesetzt.

    Gruß
    Klaus
     
  10. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Habe deine Einstein-Auszüge heute noch mal wacher gelesen und einen sinnentstellenden (Tipp)Fehler entdeckt:

    "Ein Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was wer will".

    Das w bei wer muss weg, sonst ergibt das keinen rechten Sinn und die vielen Leser, die dabei sind, alles auswendig zu lernen, kommen beim Aufsagen ins Stottern. :bart:

    Ach so, und hier noch das Bild für akiem: :cool:
     
  11. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    „Gott ürfelt nicht.“

    ;)
     
  12. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Ahhh! Ich ußte es! Ich ußte es!
    :party:
     
  13. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    „Ußte“ schreibt man mit ss. :tongue:
     
  14. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    luges erlchen.
    :D
     
  15. Rotweinfreund

    Rotweinfreund + Jevers Liebhaber

    … so man das wer als irgendwer, irgendjemand interpretiert, machte es wieder Sinn.


    Aber das weiß weder wer noch irgendwer, sondern nur die Thine.
     
  16. Convenant

    Convenant Haarfestiger

    Die Thine weiß übrigens recht viel. Soviel zumindest weiß ich.
     
  17. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    „...was er will“ würde auch zu Einsteins Schicksalsgläubigkeit passen.

    An Zufälle glaubte er nicht („Gott ürfelt nicht.“) :bart:
     
  18. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    anke ür ie lumen. :embar:
     
  19. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    @ all

    ihr eid ber ustig! :D

    Selbstverständlich hat Schopenhauer "er" und nicht "wer" gemeint. Fehler ist korrigiert. Ich werde den Text heute Abend oder morgen nochmal sorgfältig durchgehen. Mein Kopf war wohl gestern schon etwas zu müde für das Korrekturlesen. :embar:


    @ Macziege

    Ich schau mal nach, ob ich in dem 200seitigen Band noch einen Aufsatz bezüglich Zukunftsvisionen finde. Schaffe ich aber frühestens erst morgen Abend. Bin grad unterwegs.

    :)
     
  20. Macmacfriend

    Macmacfriend Active Member

    Schoppenhauer (mit zwei „p“) wär auch ein schöner Name ... zum Beispiel für Zechpreller. :party:
     

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