Mail vom Chaos Computer Club zu der Agressivität der Musikindustrie

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von elektronikengel, 31. März 2004.

  1. Heute erreichte mich eine Mail vom CCC mit der Bitte um ein Statement. Hier ist die Mail:

    CCC fordert zum Boykott der Musikindustrie auf

    Nach der Klage der IFPI gegen einzelne Tauschbörsennutzer fordert der Chaos
    Computer Club zum Boykott der von der IFPI vertretenen Musikverlage auf.
    Die Branche solle nicht den Nutzern die Schuld geben, wenn sie selber den
    Beginn des Informationszeitalters verschlafen und es versäumt hat, ihr
    Geschäftsmodell an die digitale Welt anzupassen.

    Informationsfreiheit ist kein Verbrechen

    Der CCC hält die [1] Klagen des Bundesverband Phono / der IFPI für stark
    zweifelhaft. Es kann nicht sein, dass die Musikindustrie ihre Ziele dadurch
    erreicht, in dem sie eine massive Panik vor immensen
    Schadensersatzforderungen schürt. Solche sind in Deutschland auch gar nicht
    durchsetzbar. Es geht vielmehr darum, die Nutzer von Tauschbörsen
    einzuschüchtern. Dies zeigt sich auch bei der Kampagne der Gesellschaft zur
    Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) [2] "Raubkopierer sind
    Verbrecher". Auch hier werden bewusst juristische Falschaussagen über die
    Strafbarkeit von Urheberrechtsverletzungen gestreut, um den Tauschbörsen
    das Wasser abzugraben.

    Das [3] Urheberrecht ist kein Naturrecht, sondern ein Ausgleich dafür, dass
    der Urheber sein Werk der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. In erster
    Linie ist das Urheberrecht hierbei ein Ausfluß des Persönlichkeitsrechtes.
    Auch die wirtschaftlichen Verwertungsrechte werden dem Urheber zur
    Sicherung seiner wirtschaftlichen Existenz verliehen. Hierbei bestehen
    jedoch immanente Schranken. So darf das Werk für die private Verwendung
    frei kopiert werden. Diese auch als "fair use" bezeichnete Begrenzung ist
    eine Ausprägung der Informationsfreiheit und somit ein Grundrecht.

    Diesen Umstand versucht die Musikindustrie durch pausenlose Kampagnen zu
    unterminieren. Sie stellt die Privatkopie auf die selbe Stufe wie
    Kinderschänder und Rechtsradikale. So [4] forderte der Vorstandsvorsitzende
    der GEMA auf der Popkomm, nach erfolgreichen Ermittlungsmaßnahmen im
    Bereich von Kinderpornographie und Nazipropaganda eine Ausweitung dieser
    Maßnahmen auf Tauschbörsennutzer. So werden die Kunden auf infame Weise
    verunglimpft..

    Die volkswirtschaftlich eher unbedeutende Urheberrechtsindustrie will aber
    noch weiter gehen. Mit der neuen [5] Richtlinie über die Maßnahmen und
    Verfahren zum Schutz der Rechte an geistigem Eigentum des Rats der
    Europäischen Union will sie das Recht erhalten, Hausdurchsuchungen ohne
    richterlichen Beschluss und auch bei alltäglichen Verstössen durchzuführen.
    Industriespionage und Missbrauch werden hier Tür und Tor geöffnet.

    So fragt sich ein Clubmitglied zu Recht: "Soll jetzt die Bevölkerung
    kriminalisiert werden, weil der Markt es nicht schafft, das Angebot für die
    Nachfrage zu liefern? Gesetzliche Sicherheit gegen Marktversagen auf Kosten
    der Freiheit? Wie kommt es, dass man mit Klingeltönen mehr Geld macht als
    mit Musik?"

    Doch weshalb sind Peer-to-Peer (P2P) Tauschbörsen so beliebt? Als einige
    Argumente sind zu nennen

    * Die Qualität der Musik auf dem Markt ist gesunken. Für Musik,
    die nur einen noch besseren Umsatz der Musikindustrie beschert, kurze
    Zeit in den Charts zu hören, aber nicht von Dauer ist, lohnt sich nicht
    für teures Geld zu kaufen. In wenigen Jahren erinnert sich sowieso
    niemand mehr an die damaligen Stücke.
    * Der Preis für eine CD ist zu hoch. Zumindest für die hart
    umworbene Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wie
    Studien ergaben, kaufen sich diejenigen CDs, die auch ein Einkommen
    haben, sprich die Gruppe der ab 40jährigen.
    * Der CD-Kopierschutz hindert Hörer daran CDs auf aktuellen
    CD-Playern abzuspielen. Selbst etliche Auto-CD-Spieler können die
    gekaufte CD nicht mehr abspielen. So bleibt für viele Hörer nur der Weg
    in Tauschbörsen, um sich diese CD in digitaler Form herunter zu laden
    und auf eine CD zu brennen, die sich überall abspielen lässt.
    * Die Auswahl in den Musikläden ist begrenzt. Für Raritäten sind
    Tauschbörsen eine Fundgrube. Wer nicht in Großstädten wohnt oder die
    Zeit hat, etliche Plattenläden zu besuchen, kann sich daheim sein
    Lieblingsstück von vor 20 Jahren runter laden. Ohne viel Suchen.
    * Tauschbörsen haben sich als ein ideales Vertriebsmittel
    herausgestellt -- allein eine vernünftige Bezahlfunktion fehlt. An der
    Musikindustrie ist der Zug des Internets vorbei gefahren. Die
    Musikhörer haben ihre eigenen Vertriebswege für aktuelle Technik
    gefunden, die ihre Wünsche befriedigt. Währenddessen hat sich die
    Musikindustrie weiter darum gekümmert ihre Pfründe zu wahren. Doch
    viele Hörer sind bereit, Künstler für ihr Werk zu entlohnen. Dazu
    müssen neue Wege geschaffen werden, um ihnen gerecht das Honorar
    zukommen zu lassen.

    Mit dem Klagen der Musikindustrie muss nun endlich Schluss sein! Der CCC
    fordert deshalb auf, die Musikindustrie dort zu treffen, wo sie am
    verwundbarsten ist. Entziehen wir ihnen den Umsatz! Dieser kann dann nicht
    mehr dazu verwendet werden, in großen Anzeigenserien die Kunden zu
    diffamieren.

    Der CCC hat zu dieser Kampagne [6] Banner zur freien Verwendung erstellt.
    Tauschbörsennutzer können so Ihrem Unmut Ausdruck verleihen, dass sie das
    Vorgehen der Musikindustrie nicht gut heißen. Kreative Pixelschubser sendet
    bitte Links zu euren Vorschlägen an [7] mail@ccc.de (keine Attachments).
    Wir bitten um die Einbindung auf möglichst vielen Webseiten.

    Abschließend seien auf die Worte von Dirk Bach bei der diesjährigen
    Echo-Verleihung verwiesen "Und ihr wundert euch, dass es euch schlecht
    geht?" [8]


    References

    1. http://www.ifpi.de/news/news-380.htm
    2. http://www.hartabergerecht.de/index5255.html?id=9
    3. http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/urhg/
    4. http://www.heise.de/tp/deutsch/special/copy/17060/1.html
    5. http://register.consilium.eu.int/pdf/de/04/st06/st06376.de04.pdf
    6. http://www.ccc.de/campaigns/music?language=de
    7. mailto:mail@ccc.de
    8. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,289514,00.html

    Mein Statement dazu:

    Die Propaganda des "geistigen Eigentums" ist sehr zweifelhaft und ein Anachronismus, der in Zeiten der Netzkultur obsolet wirkt. Einerseits fördert man die Vernetzung, möchte sie aber mit DRM und Kopierschutz monopolisieren. Was sind ein paar Raubkopierer beispielsweise gegen die Strategien und Massnahmen proprietärer Software, wie sie meinetwegen die Firma Microsoft seit Jahren mehr oder weniger praktiziert. Ich bin gegen eine Kommerzialisierung der Raupkopien, aber für ein uneingeschränktes Recht auf die Privatkopie und den freien Austausch von Daten von User to User. Die Musikindustrie hat das nicht begriffen und möchte jetzt zu radikalen Massnahmen greifen, weil sie die Entwicklung verschlafen hat. Sie argumentiert mit dem Bankrott der Künstler. Stattdessen sollte sie intelligentere Massnahmen ergreifen und endlich die Bedürfnisse ihrer Konsumenten befriedigen. Eine Orginal-CD ist immer noch ein Anreiz für den Sammler, aber natürlich ist der Reiz zu einem Erwerb schon durch den Mainstream-Kopierschutz verbaut. Welcher Geek wäre denn noch bereit, 15 EUR für eine kopiergeschützte CD auszugeben, die er ggf. nicht auf seinem Rechner abspielen kann. Mich persönlich interessiert keine Mainstream-Musik zum Downloaden (Madonna, Grönemeyer und Konsorten) und für eine ungewöhnliche CD gebe ich auch weiterhin gerne Geld aus.

    Hartmut Andryczuk
    Autor, Künstler, Herausgeber und Veranstalter (Elektronikengels Botschaft)
     
  2. Ich sehe gerade, daß napfekerl schon darauf hingewiesen hat. Nun gut, ein zweiter Hinweis schadet ja nicht.
     
  3. ks23

    ks23 Ohne Lobby

    Ich kann's nur immer wider sagen: Kauft keine CDs mit Kopierschutz!

    Gruss
    Kalle

    P.S. Ich kauf gar keine CDs mehr, solange die MI so n Scheiss macht. Lang lebe das Radio :D
     
  4. Ja, oder "lang lebe das mp3-Archiv"

    CD-Tip
    SUMER IS ICUMEN IN
    Chants médiévaux anglais
    The Hillard Ensemble

    Original CD mit informativem Booklet
    Preis: 4.50 EUR
     
  5. Tambo

    Tambo New Member

    Oh Hillard ensemble...
     
  6. Napfekarl

    Napfekarl Napfkuchen-Erfinder

    So sehe ich das auch. Habe den Boykott-Aufruf jetzt auch auf meiner Homepage und ich hoffe, es tun mir viele nach.

    Ciao
    Napfekarl
     

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