Maschinenfaktor Mensch

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von vulkanos, 2. November 2010.

  1. vulkanos

    vulkanos New Member

    Ein Bekannter, freiberuflich in der IT-Branche als techn. Redakteur tätig, erzählte mir folgende Begebenheit. Danach hat sein Auftraggeber die zu zahlende Stundenzahl um 10% gekürzt, weil in der Lieferung sich ein kleiner Fehler befand. Der Stein des Anstoßes: ein falscher Ordnername. Es war ein Eilauftrag, der innerhalb von 48 Stunden abgewickelt werden musste.

    Was will uns das sagen?

    1. Die Freiberufler werden zu einer maschinengleichen Perfektion gezwungen, was einer ungeheuren seelischen Belastung führen kann und auch dem Zeitgeist entspricht. Jede Abweichung von der Norm wird bestraft.

    2. Die Arbeitgeber sparen, wo sie nur können, und gnadenlos gerade bei denen, die sich nicht wehren können. Werden sie daraufhin angesprochen, gibt es fast immer nur diese Retourkutsche:

    - "Wenn es Ihnen bei uns nicht gefällt, dann gehen Sie doch woanders hin ..." und/oder man bekommt ab sofort keine Aufträge mehr.

    Nicht ganz so menschenverachtend die folgende Variante:

    - "Das ist momentan ein sich durchsetzender Standard."

    Friss Vogel oder stirb, gelle. Ich möchte nur wissen, wie festangestellte Arbeitnehmer reagieren würden, wenn bei selbst bei geringfügigen Fehlern ihnen das Gehalt oder der Lohn gekürzt werden. Das gilt insbesonders für solche, die selber Aufträge an "Freie" (= Honorarsklaven) nach draußen vergeben.

    Ach ja. Alle beklagen das, aber alle machen mit und tun nichts dagegen. Aus Angst.

    Machen wir uns nichts vor. Finanzwirtschaft und Industrie erpressen die Politik und nehmen die kleinen Leute aus. Und eines Tages (???) schlägt das Pendel zurück. Aber vielleicht werden die über 50jährigen unter uns das nicht mehr erleben, ...

    ... das Hinwegfegen der Plutokartie.


    Mann, habe ich einen biblischen Zorn in mir brodeln.
     
  2. Schaumberger

    Schaumberger Wurschthaut, alte

    Ich kenn mich da ja gar nicht aus, aber ein vertrag zwischen dem Freiberufler und dem Auftraggeber müsste doch solcherlei Verfahrensweisen klar regeln?

    Ein Kürzung eines Honorars muss doch eine entsprechende Begründung haben, bzw. die Kürzung zum Mangel im Verhältnis stehen...Falls das nicht so ist kann der Freiberufler damit doch jederzeit vor Gericht ziehen?
     
  3. maximilian

    maximilian Active Member

    Hallo!

    Theoretisch ja. Aber: David hat gegen Goliath nur im Märchenbuch gewonnen. Ich habe viele Jahre als Freiberufler für kleine, große und sehr große Unternehmen gearbeitet und hatte dabei ganz unterschiedliche Verträge (manchmal auch gar keinen!). Meistens sahen diese eine formelle Abnahme bei Projektende mit der Pflicht zur Nachbesserung im Fall von Mängeln vor. Wenn man als kleiner Freelancer da auf seine Rechte pocht, braucht der Auftraggeber nur mehrfach die Abnahme verweigern (Gründe dafür lassen sich immer finden) und schon ist man verhungert.
    Dann gibt es z.B. Großkonzerne, die mit ihren Zulieferern zu einem festen Termin einmal pro Quartal abrechnen. Die brauchen nur einen winzigkleinen Pseudomangel oder einen Formfehler auf der Rechung feststellen (falsche Projektummer, Umsatzsteier-ID fehlt, falscher Lieferantencode) und schon ist der Termin perdü und man wartet mindestens drei weitere Monate auf sein Geld. Selbst die verklausulierte Androhung dieser Vorgehensweise reicht da schon aus, dass der "Juniorpartner" lieber zähnknirschend einen kleinen Abschlag in Kauf nimmt und wenigstens nicht bei der Bank um einen Überbrückungskredit betteln muss.

    Zum Glück bin ich von sowas immer verschont geblieben, aber ich musste gelegentlich auch den einen oder anderen unbezahlten Tag dranhängen, um Festpreisprojekte (oder solche mit vorgegebener Stundenzahl) so abschliessen zu können, dass ich mit der Zufriedenheit des Auftraggebers rechnen konnte, obwohl keiner meiner Auftraggeber je eine formelle Abnahme durchgeführt hat.

    Aber wenn ich mich so umschaue, dann scheint diese Haltung inzwischen auch beim kleinen Mann angekommen zu sein. Wie viele 399-Euro-All-Inclusive-Pauschalurlauber klagen sich inzwischen ihren Reisepreis zurück, weil am Strand Kinder gespielt haben oder das Meer voller Fische war? Ist auch nichts anderes.

    Grüße, Maximilian
     
  4. McDil

    McDil Gast

    Schon mal was von Knebelverträgen gehört? Ein Vertrag ist nur symmetrisch, wenn er zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe geschlossen wird. Bei Freiberuflern kenn ich mich leider nicht aus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Freelancer, der dringend einen Auftrag braucht, dabei eine gute Verhandlungsposition hat, es sei denn, es gibt zu ihm nur wenig Alternativen, aber dann hat er wohl auch keinen Auftragsmangel . . .
     
  5. Schaumberger

    Schaumberger Wurschthaut, alte

    Hola, ich bin ja auch Freiberufler und arbeite, wohl zum Glück, in einer anderen Branche.

    Schon doof wenn man trotz Selbständigkeit in solche Abhängigkeiten gezwungen wird... das geht aber vermutlich dem Freelancer nicht anders als z.B. einem Zulieferer für einen Autokonzern... Da kann man viel verdienen, ist aber den Launen des Auftraggebers hilflos ausgeliefert... Schmerzhaft wirds wohl wenn zum Risiko und Druck eine nicht adäquate Entschädigung (Lohn) dazukommt – spätestens dann sollte man was ändern.
     

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