PR: Big Bluff oder notwendige Kommunikationsaufgabe?

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von graphitto, 27. Mai 2004.

  1. graphitto

    graphitto Wanderer

    Mahlzeit Gemeinde,
    ich beschäftige mich derzeit aus beruflichen Gründen viel mit dem Thema PR/Öffentlichkeitsarbeit/Unternehmenskommunikation und lese mich dabei u.a. durch diverse Fachbücher. Dabei fällt mir auf, das die Damen und Herren PR-Fachleute von der Notwendigkeit guter PR absolut überzeugt sind, während ich in meinen Gesprächen mit Existenzgründern und Kleinunternehmern immer wieder einen Widerwillen gegen das Thema spüre.

    Was also ist PR wirklich?
    Wie wichtig ist Imagebildung und -pflege für den Unternehmenserfolg?
    Wie muß PR beschaffen sein, um Glaubwürdigkeit auszustrahlen?
    Ist PR nur was für die Großen, oder können auch kleine Unternehmen Nutzen daraus ziehen?

    Ich wünsche mir eine spannende und unterhaltsame Diskussion und bin schon sehr neugierig auf eure Beiträge.

    gruß

    p.s.: Und bitte versucht, PR und Werbung auseinanderzuhalten. Sie sind zwar ein Paar, aber das eine ist der rechte und das andere der linke Schuh. ;-)
     
  2. MacDragon

    MacDragon New Member

    PR kann bei der Darstellung der Unternehmenstrategie nach aussen sehr hilfreich sein. Strategisch wird aber in vielen solchen Unternehmen nicht gedacht. Denn der Chef denkt mal so über sein unternehmen und dann mal wieder anders. und Wunder müssen ja täglich vollbracht werden.

    PR ist die Darstellung des Unternehmens nach außen anhand einer entwickleten Kommunikationsstrategie, die verschieeedene Medien benutzt (Print, TV etc.). Angesprochen werden sowohl die eigenen Zielgruppen als auch Meinungsbildner (opinion leaders) die die Zielgruppen beeinflussen können. (Also Journalisten, Fachpresse aber auch andere in derselben Branche, etwa auf Messen). Inhalte der PR sollten sich dabei an der Strategie des unternehmens orientieren und auch deren Produkte im Auge haben

    Ich denke das Problem ist aber grundsätzlich:

    Dass die, die PR verkaufen, davon überzeugt sind und deren potenzielle Kunden nicht, verwundert kaum.
    Ich halte dass meist für eine Kosten/Nutzen Frage der Unternehmer. Dahinter steht die Frage, was kann PR leisten? Denn Unternehmer wollen natürlich, dass PR messbare Erfolge bringt. Da mit Image zu argumentieren, in Firmen die ihren Etat zusammenhalten müssen, ist dann eher Fehl am Platz. Die wollen Umsatz. Hier unterscheiden sich deutsche Unternehmener eventuell von amerikanischen die immer auch viel PR Kommunikation produzieren unabhängig von der Unternehmensgröße (Achtung! Spekulation!). Wenn also überzeugt werden muss, dann geht das in die Richtung von wie kann ich als PRler messbar und glaubhaft Erfolge für das Unternehmen vorweisen. Deswegen muss in einem Kundengespräch auch der wahrscheinlichste Erfolg als erstes definiert werden.

    Meist ist es aber auch so, dass die PRler viel zu große Projekte an die SMU verkaufen wollen. Auch muss eine Verhältnismässigkeit von Text dem Anspruch des Textes und den wirklichen Gegebenheiten des Unternehmens gegeben sein. Also ich kann nicht mit einer Weltneuheit argumentieren und Sensationstexte für Unternehmen X verfassen wenn es nicht international tätig ist und nur über zwei Mitarbeiter verfügt.

    Insgesamt halte ich aber PR für sehr sinnvoll auch für Kleinstunternehmen. Es hilft den Markt genauer abzudecken und im Falle einer Kundenanfrage noch den letzten Zweifel zu beseitigen, man verfüge über keinerlei Kompetenz. Und auch schafft es in die Firma hinein ein klares strategisches Ziel welches von Mitarbeitern verstanden wird (sofern man welche hat).

    Meine Meinung.
     
  3. graphitto

    graphitto Wanderer

    Danke Dragon,
    das ist doch schon mal was.

    Wenn ich deinen letzten Absatz recht verstehe, bist du der Meinung, das ein strategisches Ziel (oder auch Vision/Unternehmensbild) gerade für junge Unternehmen wichtig ist?
    Kann das ein Grund (neben Finanzproblemen) sein, das immer noch 70% der Gründer in den ersten drei Jahren scheitern? Weil sie nicht wirklich wissen was sie wollen und wie sie das der Öffentlichkeit vermitteln?

    gruß
     
  4. maximilian

    maximilian Active Member

    Hallo!

    Nach meinen eigenen (negativen) Erfahrungen ist PR gerade für kleine Unternehmen, vor allem für Neugründungen!, eminent wichtig. Leider verfügen solche Unternehmen zumeist nicht über die notwendigen Mittel, um sich gute PR leisten zu können und verschwinden deshalb oft nach einigen Wochen/Monaten/Jahren wieder vom Markt.

    Die Kosten für PR bewegen sich heute in einer Größenordnung, der eine 'klassische GmbH' mit 25.000 Euro Stammkapital (und selbst eine besser ausgestattete Firma mit dem zehnfachen dieser Summe!) hilflos gegenübersteht.

    Grüße, maximilian
     
  5. Macci

    Macci ausgewandert.

    Nein. Das liegt daran, daß vor Beginn der Selbständigkeit nicht ausreichend Marktanalysen vorgenommen werden und die Geschäftsidee auf Tragfähigkeit überprüft wird. Wenn es schon zig Anbieter für ein Produkt gibt, habe ich nunmal kaum eine Chance. Und ein Großteil dieser Unternehmungen sind z.B. Bauunternehmen (Kleinstbetriebe), denen PR so gut wie garnichts nutzt, da die in den Ausschreibungen keine Rolle spielt.
    PR ist also wohl auch branchenabhängig zu betrachten und kann keineswegs für Firmenpleiten verantwortlich gemacht werden (Hättste mal paar Plakate machen lassen ;) )
     
  6. MacDragon

    MacDragon New Member

    Ich will mich hier nicht als Existenzberater aufspielen. Aber ich habe oft gesehen, dass wenn es eine klare Strategie im Unternehmen gibt, die mit einer realistischen Umsetzung gekoppelt ist (zu der gehört eben auch PR), dann hat das auf Mitarbieter einen postitiven Effekt. Jeder hasst zwar Unternehmens-Slogans oder lacht über das morgendliche Betriebslied singen in Japan. Übersehen wird aber dabei, dass diese Dinge schon recht gut funktionieren, das Unternehmen in eine Richtung zu steuern, und zwar erfolgreich.

    PR kann dies auch für kleine Unternehmen leisten. Sie muss aber glaubwürdig sein und nicht den Bogen überspannen (EMTV wäre ein Extrem, welche in beide Richtungen funktionierte!!!). schließlich ist man ja (noch) kein Global Player. Solche Anforderungen sind je nach Branche verschieden.

    Hier in England hat der Sohn vom Earl of Sandwich ein edel-Sandwich Lieferdienst für Unternehmen aufgebaut. Er hatte professionelle Vermarktung, gute PR (er hat sogar die BBC zum Soapdoku geladen) und hat Anfangserfolge verzeichnen können. PR hat dazu beigetragen, aber eben auch sein Name, der ihn zu einer klaren Strategie geradezu zwang (Edel, hohe Qualität, Tradition und Neues in Sandwiches).

    Aber scheitern gehört ebenso dazu. Manche haben einfach Pech.
     
  7. graphitto

    graphitto Wanderer

    @maximilian
    Das »eminent wichtig« unterschreib ich dir sofort. Bei den Preisen frag ich mich allerdings, ob das tatsächlich so sein muß. Denn Dinge wie Ziel- und Zielgruppendefinition und auch strategische Überlegungen gehören für mich zum Grundansatz unternehmerischen Denkens. Will sagen, es muß ja nicht immer gleich die Riesen-Agentur sein. Und ein ordentliches PR-Konzept gibts auch für deutlich weniger als 25.000 Öre. Wie macdragon schon schrieb, die Verhältnissmäßigkeit des Aufwandes ist die Frage.

    @maccie
    Hast Recht. Aber genau diese Dinge wie Marktanalysen gehören nicht nur in einen Business-Plan, sondern erst recht in ein PR-Konzept.
    Ob PR in der Baubranche keine Rolle spielt, kann ich nicht beurteilen. Ein guter Ruf in der Branche wird aber wohl auch da eine Rolle spielen. PR ist eben doch mehr als ein paar Plakate. ;-)

    gruß
     
  8. Macci

    Macci ausgewandert.

    Weiß ich doch, war ja auch nur ein Beispiel, wo PR relativ wenig ausrichten kann. Wenn Maurer Müller billiger ist, als Maurer Meier, nützt Maurer Meier PR eben relativ wenig...denn Ausschreibungen sind vordefiniert, da gehts nur um die Kohle und nicht darum, ob der Mörtel in Edelstahlpötten umgerührt wird oder sowas :D
    Und den PR-Leuten möchte ich nicht noch Wirtschaftlichkeitsanalysen ans Bein heften, Marktanalysen schon eher...aber drauf verlassen würde ich mich auch nicht ;)
     
  9. graphitto

    graphitto Wanderer

    Interessant, das du PR vor allem nach innen gerichtet siehst. Scheint mir ein wichtiger Aspekt zu sein. Schließlich sind es die Mitarbeiter, respektive der Gründer, die den guten (oder schlechten) Ruf eines Unternehmens entscheidend mitbestimmen.


    Klar. Nur, was macht PR glaubwürdig?

    *unterschreib*
    Nicht alles ist planbar.

    gruß
     
  10. graphitto

    graphitto Wanderer

    Stimmt schon. Was aber wenn der Billigbau vom Maurer Müller nach drei Tagen in sich zusammenfällt? Dann schimpfen alle (einschließlich Maurer Müller) auf den Billigheimer von Bauherrn. Wo doch gleich neben Müllers Firma so ein schickes Plakat vom Maurer Meier hängt. ;-)

    Ein guter PRler wird an der Stelle zuallererst seinen Marketing-Kollegen anrufen. ;-)

    gruß
     
  11. MacDragon

    MacDragon New Member

    Ein Negativbeispiel ist Intego.

    Jeder kennt die mit ihren bloeden Trojanern usw. Dies ist ein Beispiel von unglaubwuerdiger PR. Die sind im Gespraech, werden aber Jahre brauchen, sich eine gute Reputation zu erwerben. Wer weiss was sie damit verfolgten?

    Besser waere gewesen Kompetenz zu zeigen, indem sie halt ein bisschen offener sind und die Bedrohung von OS X umfassend und objektiv wiedergeben. Das ist glaubwuerdige PR.

    Heransgehensweise fuer Neugruender...Sich ein bisschen ueber Freie Journalisten schlau machen und mit denen ein Konzept ausarbeiten. Die sind guenstiger als grosse Agenturen, wollen natuerlich aber auch gut bezahlt werden. Das sollte aber die Sache wert sein.
     
  12. graphitto

    graphitto Wanderer

    Du meinst, bei Intego stimmte das inhaltliche Angebot nicht mit den kommunikativen Botschaften überein? Z.B. solche Meldungen, die den Macuser verunsichern und den Verkauf von Intego-Produkten ankurbeln sollen?

    Die freien Journalisten sind ein guter Tip. Werd ich mir merken, danke.

    gruß
     
  13. maximilian

    maximilian Active Member

    Hallo!

    Die 25.000 sind ja nicht das PR-Budget, sondern das gesamte Kapital der Neugründung! Davon müssen Büromiete, Gerätschaften, erste Gehälter/Honorare, Notar- und Behördengebühren, usw. bestritten werden. Für PR stehen dann wenn es viel ist noch 5000 Euro zur Verfügung. Das reicht gerade so eben, um einen kleinen 'flyer' (gibts dafür eigemtlich auch ein deutsches Wort?) gestalten und 1000x drucken zu lassen, 1000 gute Adressen zu kaufen und das Ding 1000x zu veschicken. Danach ist das PR-Pulver für lange Zeit verschossen...

    ciao, maximilian (been there, done it!)
     
  14. graphitto

    graphitto Wanderer

    @maximilian
    Mit 5.000 € für PR kommt man zwar wirklich nicht weit, dennoch fielen mir da sicher ein paar andere Wege ein, als Flieger zu verschicken. Mit den Adressen geb ich dir allerdings recht, abgesehen davon, das ich nach wie vor der Meinung bin, das PR im Kopf des Unternehmers, bei seinen Zielen anfängt. Und diese Arbeit kostet weder was, noch kann sie dir irgendeiner abnehmen.

    Statt Flieger kannst du übrigens auch Flugblatt, Offerte oder Pressemitteilung einsetzen. Je nachdem, wen du erreichen willst und wie das Teil aufgebaut ist.

    gruß
     
  15. MacDragon

    MacDragon New Member


    Genau da she ich auch ein Problem. Die PR ist nicht langfristig genug ausgelegt, aus Geldmangel aber vielleicht auch, weil es an Themen zum Produkt, zur Dienstleistung fehlt.

    Da muss der Chef erstmal gruendlich nachdenken. Aber auch hier koennen Freie Journalisten helfen. Die haben Kontakte zu Fachpresse usw.
    Mit 5000 Euro kann man meiner Meinung nach ziemlich viel erreichen, das ist fuer ein Jahr wahrscheinlich genug, wenn man nicht gerade 1000 Adressen im Verteiler haben will. Dazu lohnt es sich eben auszulagern und die Freien das machen zu lassen. Die wissen auch was machbar ist. Da sie aus dem journalistischen Bereich kommen und eben nicht aus der Produkt-PR sind sie auch ein bisschen sensibler was die Glaubwuerdigkeit angeht (hier faellt mir wieder Coca Cola ein mit derem reinen veredeltem Trinkwasser ;) ).

    Als Chef darf man aber dabei keine Wunder von PR erwarten. Natuerlich muss man in seiner eigenen Vermarktung und Dienstleistung ebenso punkten und das Unternehmen vorantreiben. Um Enttauschung zu vermeiden sollte man sich auf das Instrument der Erfolgsmessung zu einigen. Oftmals wird das ein Clipping sein mit Auflage und Leserzahl der Zeitschrift. Es gibt aber auch andere Wege und Mittel. Dies mit dem PRler zu ermitteln ist IMHO wichtig, um keine Kohle zu verschwenden.
     
  16. turik

    turik New Member

    Auch noch etwas Senf dazu:
    Ich habe seit 1974 einen gestalterisch-handwerklichen Betrieb im Messebau, was den Vorteil hat, dass meine Kunden, gegeben durch den zyklischen Messerythmus, zu Wiederholungstätern werden - aber nur, wenn zufrieden!
    Wachstum haben wir ausschliesslich durch Weiterempfehlung seitens der bestehenden Kunden, durch Stellenwechsel treuer Marketingleiter und/oder durch gute Projekte ("Von wem ist das...?").
    Heute habe ich zehn Mitarbeiter und es läuft noch immer ohne nennenswerte Werbung.
    (Und die Werbung die ich machte, brachte kaum messbaren Erfolg.)

    PR allerdings machte ich schon:
    Ich habe gelegentlich in Fachzeitschriften zu allgemeinen Themata - und ausdrücklich ohne offensichtliche Werbeabsicht für den eigenen Betrieb - publiziert und damit Kompetenz signalisiert, was sich dann doch hintenherum positiv fürs Geschäft auswirkte. Ausserdem war ich ehrenamtlich im Berufsverband aktiv. Das bedeutet aber jahrelanges Engagement und keine schnelle Erfolge.

    Viele einsame Stunden allein am Arbeitsplatz. Wie jetzt gerade...
    (Grufti, bisch scho heim ggange?)
     
  17. graphitto

    graphitto Wanderer

    Na langsam scheinen ja auch die »Heimwerker« die Nase von der Werkbank zu heben. :D

    Danke Turik. Darf ich dich dann als Beispiel benutzen, wenn meine Klientel mal wieder was von »kann ich mir nich leisten...« oder »PR? Brauch ich nich...« erzählt?
    Vor allem die Fakten »Fachzeitschrift« und »Berufsverband« find ich sehr interessant.

    gruß
     

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