Protestwähler

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von elektronikengel, 20. September 2004.

  1. Protestwähler haben also gestern NPD und DVU gewählt. Der Mensch im Osten ist also nichts mehr wert, arbeitslos, gedemütigt und lebt sinnlos in den Tag hinein. Das reicht uns jetzt: deshalb NPD.
    Diese Logik verstehe ich nicht. Ich halte sie auch für eine Floske. Wenn jemand arm und arbeitslos ist, wählt er also NPD. Zwangsläufig.
    Nein, man muß das schon beim Namen nennen. Wer rechts wählt, ist auch rechts. Alles andere ist Unsinn. Und solche Gemeinden oder Landstriche wie die Sächsische Schweiz sollte man boykottieren. Das heisst: keine finanziellen Zuwendungen mehr, keine Buchungen und keine Touristik mehr. Negativschlagzeilen in den Zeitungen.
     
  2. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Das ist Unsinn.

    (und es erstaunt mich, dass sowas von dir kommt)

    Den meisten Rülpswählern ging es darum, mal einen "Denkzettel" zu verteilen. Und einen anderen (besseren?) sehe ich auch nicht, wenn man sich selbst als der "Benachteiligte" und "Perspektivlose" sieht und meint, überall anders fliessen Milch und Honig. "Wahlsieger ist das Prinzip Verweigerung" (Zitat aus der SZ--online von gestern).

    Und weil mir dieser Kommentar so treffend erscheint, gleich ein weiteres Zitat daraus:

    "Im Osten zeigt sich eher, dass der Übergang von der Vollversorgungs-Diktatur zur Demokratie zwar äußerlich gelungen, im Selbstverständnis vieler Menschen aber noch nicht richtig angekommen ist; dass, ähnlich wie in Westdeutschland nach dem Krieg, der Wandel der Mentalität länger dauert als der des politischen Systems.

    Das heißt nicht, dass viele Ostdeutsche der Mauer nachtrauern. Dennoch wirkt ein Erbe der langen SED–Herrschaft nach: ein falsches Verständnis von der Rolle und den Möglichkeiten des Staates.

    Fast die Hälfte der Ostdeutschen hält ihre Lebensverhältnisse für schlechter als früher. Und viele machen den Staat dafür verantwortlich, trotz aller Milliardentransfers, des gewachsenen Wohlstands, aller Aufbauerfolge.

    Der Staat soll schaffen, was die ökonomischen Realitäten nicht erlaubten: den Osten schneller auf Westniveau zu heben. Freilich hat die Politik zu diesem Missverständnis beigetragen. Sie hat seit der Wende die Illusion in den neuen Ländern geschürt, der Staat werde es schon richten."


    Und weil die "Protestler" unter den "Nazis" noch einige Zeit benötigen werden, dies zu begreifen (was selbstverständlich auch für die PDS-Wähler gilt!), sollten wir alles andere tun als neue Mauern zu errichten oder dümmliche Boykottmassnahmen auszurufen.


    P.S. Den vollständigen Kommentar findest du hier:

    http://www.sueddeutsche.de/deutschl...ml/deutschland/artikel/546/39507/article.html
     
  3. fischkopp

    fischkopp New Member

    Schade eigentlich bisher hielt ich dieses Forum immer für eine Plattform des witzig intelektuellen Dialogs.


    etwas später - danke macixus
     
  4. kawi

    kawi Revolution 666

    Genau, das sind die ja auch die demokratischen Mittel die bekanntlich das Grundwesen einer Demokratie ausmachen. *ähem.
    Erinnert mich aber eher stark an andere verschmähte Systeme.
    Aber klar, einfach auf die selbe Stufe im Umgang mit den problemen stellen. Gute Nacht Deutschland. Gute Nacht Welt.
     
  5. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Scheint so, als hätten wir den elektroengel verjagt...:klimper:

    Und eine schöne Gelegenheit, noch was hinzuzufügen:

    Jeder hier weiß, dass Rot nicht zu meiner Lieblingsfarbe zählt. Umso mehr Hut ab vor Herrn Platzeck, der nicht in verrammelte Säle auswich oder wie Herr Milbradt die Montags-Demos für sich entdeckte.

    Für mich ist Herr Platzeck ein Beleg dafür, dass sich auch dicke Bretter bohren lassen, wenn man die entsprechende Courage und Standfestigkeit gegenüber Eierwerfern und Trillerpfeifentrötern mitbringt.

    *chapeau*
     
  6. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    Ich sehe das ganz anders als der Engel.
    Gerade deshalb hinfahren und nicht boykottieren.
    Feinbilder gibt es genug , das muß man nicht vertiefen.

    Und , mit Verlaub, in etlichen Gegenden werden solche Parolen wie sie die Zurückzumführerparteien jetzt im Wahlkampf abließen, auch am Christ- oder Sozialdemostammtisch unter der Hand gemunkelt.

    Wer will sie nicht die DM ?
    Wer will sie nicht die Vollbeschäftigung ?
     
  7. SC50

    SC50 New Member

    Nein, aber wenn er arbeitslos und perspektivlos ist, und sich gedemütigt fühlt kann das schon passieren.
    Ein großer Teil der "rechten" Wähler sind Erstwähler. Sie sehen sich mit Floskeln wie Hartz IV und "ein Euro Jobs" konfrontiert, aber wenn sie sich umschauen, müssen sie feststellen, daß trotz aller wortreichen Bemühungen in ihrer Gegend die Wahrscheinlichkeit einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu bekommen recht gering ist.
    Und hier treten nun die Populisten der NPD/DVU auf den Plan. Sie bieten scheinbar einfache Lösungen für komplexe Probleme. Sie machen sich die Hilflosigkeit der Menschen zunutze. Jahrelang hat die Politik mit Glücksversprechen nur so umsich geworfen ("blühende Landschaften", "Die Renten sind sicher", "der Aufbau Ost ist Chef-Sache"), und nun muß man feststellen, daß sich die Realität reichlich wenig um diese Versprechen kümmert. Wenn man dann einen 'Münte' hört, der zu dem Wahlverhalten der NPD/DVU Wähler einfach nur zu sagen hat, sie sollen sich doch bitte schämen sowas zu machen,
    muß man sich schon fragen, wie groß die Kluft zwischen der Wahrnehmung der Politiker und der der Wähler geworden ist.
    Natürlich sympathisiert ein Teil der Wähler der NPD/DVU mit der rechten Ideologie, nur ist es eine Frage, inwieweit sie darin verwurzelt sind. In Städten mit einem sehr geringem Ausländeranteil sind "Ausländer raus" Sprüche an der Tagesordnung. Warum ist das so? Die Populisten präsentieren dort einen lang ersehnten Schuldigen (irgendeiner muß es doch schuld sein
    daß, das Glück, das uns versprochen wurde nicht greifbar ist), die Ausländer oder die Politiker.
    Aber kaum jemand wird wirklich die Parteiprogramme lesen. Die Menschen wählen einfach "Protest", und zwar Protest gegen die Nichteinhaltung des Versprechens auf immerwährendes Lebensglück.
    Aber im Westen sollte man sich nicht zu sicher fühlen. Die "rundum sorglos" Gesellschaft wird auch hier bröckeln. Und dann werden die Rattenfänger auch dort vermehrt mit Erfolg ihre Netze auswerfen können.
    Vor dem Tag, an dem eine dieser widerlichen Parteien einen charismatischen Frontmann findet graut es mir.
    Die Politik und auch die Gesellschaft ist schlecht beraten, dieses Problem als Randerscheinung aubzutun.
     
  8. Den Kommentar aus der Süddeutschen finde ich in Ordnung.

    Trotzdem bin ich anderer Meinung, was den ersten Teil angeht:

    "Und weil die "Protestler" unter den "Nazis" noch einige Zeit benötigen werden, dies zu begreifen (was selbstverständlich auch für die PDS-Wähler gilt!), sollten wir alles andere tun als neue Mauern zu errichten oder dümmliche Boykottmassnahmen auszurufen."

    - Die PDS ist eine demokratische Partei für mich. Sie hat mit der NPD nun gar nichts zu tun - auch nicht im Extremismusvergleich. Das man sie nicht mag ist eine andere Sache.

    Pädagogik und Psychologie in Ehren. Aber man muß die Leute schon für voll nehmen. Und arbeitslos zu sein, ist doch kein Grund NPD zu wählen, oder?

    Ich weiß nicht. Ich würde nicht in ein Nest fahren, wo die NPD 20% der Stimmen erhalten hat. Ich würde auch nicht mit einer farbigen Freundin nach Sachsen oder Brandenburg ziehen. (Ein Freund von mir ist dort beim Zelten mit seinem Freund vor etwa 4 Wochen von einer Gruppe Jugendlichen beinahe zusammengeschlagen worden. Was wollt ihr hier? Seid ihr schwul?). Tut mir leid, aber in Schaumburg-Lippe passiert das sicher nicht sehr häufig.

    Dennoch verstehe ich auch deine Position: man darf das Feld nicht den Rechten überlassen. Das ist mühsam und vielleicht hast du Recht.
     
  9. bus

    bus New Member

    Ich weiß auch nicht, ob ich in schön da so schnell Urlaub machen werde. Und alles andere wäre harte (Überzeugungs-)Arbeit.
     
  10. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Die NPD ist eine demokratische Partei für mich. Auch sie ist nicht verboten - vermutlich weil jedes 3. Parteimitglied vom Verfassungsschutz bezahlt wird und so der Nachweis der Verfassungsfeindlichkeit sowas von in die Hose ging.

    Aber mein Punkt ist ein anderer: auch die PDS war sich nicht zu schade, die "Schnauze-voll-Leute" an die Urnen zu kriegen. Sie hat allerdings mit "Jetzt reicht's" geworben. Angesprochen fühlen sich auch hier nur wieder die Dumpfbacken, wenn auch mit einer anderen "Fahne". Problemlösungen hat die PDS ebensowenig anzubieten wie die NPD - sie vermittelt halt eher das gewohnte sozialistische Heimeligkeitsgefühl vom Staat, der's schon richten wird.
     
  11. fischkopp

    fischkopp New Member

    schön das ich weiter oben doch ein wenig zu vorschnell war

    und man nur zu lesen braucht, denn besser könnte ich vieles hier nicht sagen und schon garnicht so schnell eintippen
     
  12. "Die NPD ist eine demokratische Partei für mich. Auch sie ist nicht verboten - vermutlich weil jedes 3. Parteimitglied vom Verfassungsschutz bezahlt wird und so der Nachweis der Verfassungsfeindlichkeit sowas von in die Hose ging."

    Ja, eine peinliche Sache vor nicht allzu langer Zeit.

    "Aber mein Punkt ist ein anderer: auch die PDS war sich nicht zu schade, die "Schnauze-voll-Leute" an die Urnen zu kriegen. Sie hat allerdings mit "Jetzt reicht's" geworben. Angesprochen fühlen sich auch hier nur wieder die Dumpfbacken, wenn auch mit einer anderen "Fahne". Problemlösungen hat die PDS ebensowenig anzubieten wie die NPD - sie vermittelt halt eher das gewohnte sozialistische Heimeligkeitsgefühl vom Staat, der's schon richten wird."

    Sehe ich im großen und Ganzen auch so, was die Problemlösungen angeht. Allerdings glaube ich nicht, daß "Dumpfbacken" per se PDS wählen.
    Dumpfe Parolen gab es auch schon in vergangener Zeit von der CDU. Also da nimmt man sich nicht so sehr viel, was dieses Thema angeht.

    Zum Anfang: ich glaube, ihrt habt Recht. Es nützt niemanden, Gräben zu vertiefen oder Mauern zu errichten. Und ein Boykottaufruf unterstützt das ja nur. Von daher war das nicht richtig. Dennoch sollte man da nachhaken.
    Die Angst sächsischer Politker ist ja nicht unbegründet, daß sich jetzt ausländische Investoren zurückziehen.
    Und obwohl das jetzt ein wenig konstruiert erscheint, aber durchaus realistisch sein kann: kann sich jemand von euch vorstellen als deutsche Spitzenkraft oder Investor in einem Land zu leben und zu arbeiten, wo man Menschen weißer Hautfarbe hasst?
     
  13. SC50

    SC50 New Member

    darum geht es nicht
    Die PDS bestreitet nicht, wie die NPD, die legitimität der demokratischen Grundordnung.
    (die kommunistische Plattform mal ausgenommen)
    Auch wenn einem die Ansichten der Partei nicht gefallen, so ist sie doch im demokratischen System angekommen.
    Ganz im Gegensatz zur NPD.
    Selbst DVU und Reps unterscheiden sich stark von der NPD.
    Von ihrer Struktur her ist die NPD die gefährlichste aller rechten Parteien.
     
  14. Der Zusatz hat gefehlt.

    Die PDS will nicht einen Neo-Stalinismus.

    Die NPD will aber eine Art Viertes Reich - sie ist nach wie vor fundamentalistisch, antisemitisch, revanchistisch und verklärt Hitler und den Nationalsozialismus.
     
  15. Macziege

    Macziege New Member

    SC50 hat den Kern der Sache getroffen, es waren bekannter maßen Erstwähler, die sich von einer agressiven Werbung der extremen Rechtsparteien verführen ließen, also politisch uninteressierte bzw. und uninformierte. Zudem haben die anderen Dateien zu wenig getan, um gerade diese Gruppierungen anzusprechen bzw. in der Vergangenheit zu wenig für sie getan.

    Dess halb sollte man das Ergebnis, so schlimm es auch ist, nicht überbewerten. Doch eine Lehre für die Zukunft sollte es auf jedem Fall sein.
     
  16. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Dumpfe Parolen sind selbstverständlich nicht auf die PDS beschränkt und auch nicht auf die CDU. "Vereinfacher" findest du in jeder Partei einschl. der Grünen.

    Wahlergebnisse der PDS von nahezu 30% sprechen eine beredte Sprache - soviele Dumpfbacken gibt es nirgendwo (ausser den "üblichen" 10%). Demnach versprechen sich PDS-Wähler "alte Zeiten" von dieser Partei - als jeder Arbeit hatte und und einen Kita-Platz. Das diese von einem bankrotten Staat finanziert wurden, der sich die Kröten per Freikauf von Dissidenten und zinslosen Krediten des Klassenfeindes zusammenkratzen musste, interessiert keinen mehr. Hier wird eine heile sozialistische Welt zurückgesehnt, die es so nie gegeben hat. Aber Erinnerung verklärt halt.


    Natürlich nicht. Umso mehr kommt es jetzt darauf an, weder Teufel noch Beelzebub an die Wand zu malen. Von einer "Verteufelung" ganzer Landstriche wegen ein paar Unbelehrbaren sollte Abstand gewonnen werden. Die "erreicht" eh kein Argument. Die "Protestler" hingegen lassen sich erreichen (siehe meine Anm. zu Platzeck). Nur muss man dazu seinen Arsch hinbewegen und den Mund aufmachen.
     
  17. Ja, Platzeck ist ein guter Typ. Was Biedenkopf gestern gesagt hat, war auch etwas treffender und feinfühliger als etwa Schily oder Klaus von D. (Letztere sprachen etwa nach Gutsherren-Art).
     
  18. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Selbst wenn du das sagst, muss es noch nicht stimmen. Heute nachmittag habe ich aus dem PDS-Parteiprogramm mit der Änderung der Besitzverhältnisse zitiert und dies mittels "Knattern für den Sieg des Sozialismus" durch den Kakao gezogen. Aber so richtig lustig war mir dabei nicht.

    Und wenn ich mir dann noch so "Zauberer" anschaue wie den Gysi, der recht fluchtartig seinen Senatsposten wieder verliess, als es ihm zu realpolitisch wurde, habe ich erst Recht so meine Zweifel, ob die PDS tatsächlich schon in der Realität angekommen ist.
     
  19. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    >>ann sich jemand von euch vorstellen als deutsche Spitzenkraft oder Investor in einem Land zu leben und zu arbeiten, wo man Menschen weißer Hautfarbe hasst? <<

    Vorstellen kann ich es mir nicht.
    Geben tut es das.
    z.B. Japan
    ob man in Saudi Arabien nach der Hautfarbe geht weiß ich nicht.
    Aber das Ungläubige dort einen permanenten Militärstützpunkt halten um die saudischen Interessen zu wahren führt dort merkwürdigerweise nicht zu einer Völkerverständigung sondern ist im Gegenteil Kernstück des Antiamerikanismus.
     
  20. fischkopp

    fischkopp New Member

    wahrscheinlich nicht - aber im Fall Sachsen wird mir bei dieser Diskussion zu häufig vergessen das es 9,x % der Wähler waren die einer ausländerfeindlichen Partei ihre Stimme gegeben haben (meiner Meinung nach 9,x % zuviel) der Rest hat doch aber mehr oder weniger demokratisch gewählt bzw. nicht ausländerfeindlich. Mir ist die Aufmerksamkeit die man diesen 9,x % schenkt einfach etwas zu hoch.
     

Diese Seite empfehlen