Recht auf Arbeit

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von Harlequin, 31. Dezember 2002.

  1. Harlequin

    Harlequin Gast

    Die Frage nach Recht auf Arbeit kann nicht im Vergleich mit einem anderen (staats-) kapitalistischen Land (DDR) beantwortet werden. Das macht keinen Sinn.
    Die Frage hat 2 Aspekte:

    1. Wie kann Arbeit oekonomisch sinnvoll organisiert und verteilt werden, so dass die Ressourcen einer Gesellschaft nach Moeglichkeit allen zu Nutze kommen.

    2. Der 2. Aspekt ist das Ueberleben des Individuums, welches in unserer Gesellschaft an Lohnarbeit gekoppelt ist.
    Das muss aber nicht quasi naturgesetzlich so sein, sondern diese kuenstliche und durch Gewalt erzeugte Koppelung dient allein dem Machterhalt derer, welche die Verfuegungsgewalt ueber die Werte haben. Die Allgemeinheit hat darauf keinen Zugriff, keine demokratische Kontrolle.
    Die sogenannten "demokratischen" Wahlen, die das Regime alle 4 Jahre abhaelt, lassen uns allen nur die Wahl die Verwaltung des Mangels zu organisieren und den Poebel um die Kruemel streiten zu lassen.

    Wir haben also neben der Frage der reinen Oekonomie noch die Frage der Ethik. Wie heisst es im GrundGesetzt so schoen:
    "Die Wuerde des Menschen ist unantastbar"
    Diese Wuerde wird taeglich mit fuessen getreten, durch Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Hunger und Demuetigung.
    In der Hauptstadt lebt heute bereits jedes dritte Kind von Sozialhilfe.
    Wer keine Kinder hat, erhaelt mittlerweile oftmals gar nicht mehr gesetzlich garantierte Sozialleistungen.
    Selbstmord ist zu einer der Haupttodesursachen avanciert, die Gefaengnisse quellen ueber unter katastrophalen Bedingungen.
    Wen die kapitalistische Diktatur nicht braucht oder will, der wird behandelt als Humanmuell, Muell, welchen man in den naechsten Jahrzehnten auch durch Krieg abzubauen gedenkt.
    Eine Art Humanmuell-Recycling.

    Das Imperium faehrt fort zu expandieren. Das hat zur Folge, dass die Aufteilung relativen (materiellen) Wohlstandes fuer die Kernstaaten einerseits und voellige Armut fuer die sog. 3. Welt andererseits relativiert werden wird.
    Wir werden in den Kernstaaten breite Zonen und strukturelle Ebenen der Verelendung und sozialen Deklassierung erfahren und im Gegenzug die Etablierung regionaler Bourgeoisien in neu erschlossenen Teilen des Imperiums.
    Analog dazu werden wir eine Vertikalisierung des Krieges erleben, also weniger Kriege auf horizontaler Ebene zwischen klassischen Nationalstaaten, sondern stattdessen vermehrt "Polizei-" Kriege gegen vermeintliche Terroristen und Unruhezonen.

    Die Frage nach "Recht auf Arbeit" ist eine Frage des "Rechts auf Leben".
    Da die kapitalistische Diktatur nicht funktioniert indem sie nicht in der Lage ist ausreichend Arbeitsplaetze zu schaffen, und somit ein menschenwuerdiges Leben zu ermoeglichen, stellt sich die Frage nach einer ausreichenden Lebensgrundlage fuer alle Menschen.
    Das Problem ist dabei keineswegs, dass "kein Geld" zur Verfuegung stuende, wie die Propaganda uns einzureden sucht.
    Wenn behauptet wird "Im Haushalt steht kein Geld fuer Sozialleistungen zur Verfuegung", so ist das natuerlich richtig.
    Aber eben nur bezogen auf die Kassen der oeffentlichen Haushalte, das Geld, welches das organisierte GrossKapital der Allgemeinheit uebrig laesst.
    Aber das Geld ist da, es befindet sich nur auf anderen Konten.

    Tatsaechlich ist ausreichend Geld vorhanden, um allen ein menschenwuerdiges Leben zu ermoeglichen, unabhaengig davon, ob diese nun in den Bereich der bezahlten Lohnarbeit eingebunden werden koennen oder nicht.
    Die oeffentlichen Haushalte muessen aus den Kassen finanziert werden, welche die groessten Renditen erzielen.
    Es kann nicht angehen, dass ein Mittelstaendler am Rande des Existenzminimums mit Steuern belastet wird, das millardenschwere GrossKapital aber immer weniger Abgaben leistet.
    Der errechnete oeffentliche Bedarf muss abkassiert werden beginnend bei den vollen Kassen, die am meisten Mehrwert erwirtschaften. Denn schliesslich koennen die grossen Companys diesen Mehrwert auch nur deswegen erzielen, weil Nationen ihnen dafuer die entsprechende Infrastruktur, in Produktionsmittel und Arbeitskraft, zur Verfuegung stellen.

    Ein Beispiel:
    Ein Betrieb hat 100 Arbeiter, macht aber kaum Gewinn, da hohe HumanLohnkosten.
    Ein anderer Betrieb macht hohe Gewinne, produziert aber automatisiert und bezahlt nur 5 Arbeiter fuer Wartungsaufgaben.
    Da kann es nicht angehen, dass der Betrieb mit 100 Arbeitern Sozialleistungen und Steuern fuer 100 Personen zahlen muss, der andere Betrieb aber nur fuer 5.
    Die finanzielle Belastung der Betriebe muss sich orientieren am tatsaechlichen Ertrag, nicht am "Kostenfaktor" Mensch.

    Was die Staatsverschuldung betrifft, so zahlt die Allgemeinheit Zinsen an die Banken und Kapitalgesellschaften, also diejenigen, welche sowieso schon die oekonomische Macht in Haenden halten.
    Dieses Problem ist einfach zu loesen:
    Einfach die Zinsen streichen und die GlaeubigerBanken gleich noch mit verstaatlichen.
    So hat man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, Schulden los und noch volle Kassen dazu.

    Eine solche Politik laesst sich in Zeiten der "Globalisierung" natuerlich auch nur im internationalen Masstab durchsetzen.
    Aber immer mehr Menschen weltweit erkennen die Gefahr dieses totalen Kapitalismus und arbeiten an Gegenkonzepten.

    http://attac-netzwerk.de

    In diesem Sinne alles Gute fuer 2003!
    Wer nicht kaempft, der ist schon tot.

    Harlequin

    .
     
  2. gratefulmac

    gratefulmac New Member

  3. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    "Und auch das Proletariat, die große Klasse, die alle Produzenten der zivilisierten Nationen umfaßt, die Klasse, die, indem sie sich befreit, die Menschheit von der knechtischen Arbeit befreien und aus dem menschlichen Tier ein freies Wesen machen wird, das Proletariat hat sich, seine Instinkte verleugnend und seine geschichtliche Aufgabe verkennend, von dem Dogma der Arbeit verführen lassen. Hart und schrecklich war seine Züchtigung. Alles individuelle und soziale Elend entstammt seiner Leidenschaft für die Arbeit."
    P.L.

    weiter derselbe Autor:

    "»Je mehr meine Völker arbeiten, um so weniger Laster wird es geben«, schrieb Napoleon am 5. Mai 1807 aus Osterode. »Ich bin die Autorität, ... und ich wäre geneigt zu verfügen, daß sonntags nach vollzogenem Gottesdienst die Werkstätten wieder geöffnet werden und die Arbeiter wieder ihrer Beschäftigung nachgehen sollen.«

    Um die Faulheit auszurotten und um den Stolz und Unabhängigkeitssinn zu beugen, schlug der Verfasser des Essay on trade vor, die Armen in ideale Arbeitshäuser (ideal workhouses) einzusperren, die »Häuser des Schreckens sein müßten, in denen man 14 Stunden pro Tag in der Weise arbeiten sollte, daß nach Abzug der Mahlzeiten volle 12 Arbeitsstunden übrigbleiben«.

    12 Arbeitsstunden pro Tag, das Ideal der Menschenfreunde und Moralisten des 18. Jahrhunderts. Wie weit sind wir über dieses Ideal hinaus! Die modernen Werkstätten sind ideale Zuchthäuser geworden, in welche man die Arbeitermassen einsperrt, und in denen man nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen und Kinder zu zwölf- und vierzehnstündiger Zwangsarbeit verdammt! [7] Und die Kinder der Helden der Französischen Revolution haben sich durch die Religion der Arbeit so weit herabwürdigen lassen, daß sie 1848 das Gesetz, welches die Arbeit in den Fabriken auf 12 Stunden täglich beschränkte, als eine revolutionäre Errungenschaft entgegennahmen; sie proklamierten das Recht auf Arbeit als ein revolutionäres Prinzip. Schande über das französische Proletariat! (*6) Nur Sklaven sind einer solchen Erniedrigung fähig. 20 Jahre kapitalistischer Zivilisation müßte man aufwenden, um einem Griechen der antiken Heldenzeit eine solche Entwürdigung begreiflich zu machen! "

     
  4. charly68

    charly68 Gast

    recht auf geld , gold und glück :)
     
  5. Harlequin

    Harlequin Gast

    Sehr interessanter Text.
    Aber fuer die Fetischisierung der (Lohn-)Arbeit sehe ich auch objektive Ursachen.
    Ein Problem, das von der modernen Philosophie und Linken wenig bis gar nicht beachtet wird: Das Problem der Hyperpopulation.
    Deutschland bietet hoechstens (wenn ueberhaupt) 10 Millionen Menschen ausreichenden Lebensraum oder bezogen auf die Weltbevoelkerung duerfte die Grenze bei 1 Milliarde oder ´drunter liegen.
    Damit ist nicht gemeint, Menschen mit ausreichend 3000 Kalorien taeglich zu versorgen, so koennte man sicher auch 20 Millaerden auf diesem Planeten am "Leben" erhalten.
    Gemeint ist allen Menschen ausreichend natuerlichen Lebensraum und Ressourcen fuer ein artgerechtes, selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Wuerde zu gewaehrleisten.
    Die bestehende Hyperpopulation fuehrt zur Entartung mit den hinreichend bekannten Folgen des Verteilungskampfes, dessen Produkt wiederum die kapitalistische Produktionsweise ist.
    Dem objektiven Klassenkampf kann die herrschende Klasse letztendlich nur durch faschistische Ordnungssysteme begegnen.

    Da unter den Bedingungen der Hyperpopulation die grundlegenden Lebensbeduerfnisse des Individuums nicht befriedigt werden koennen, dienen Entfremdung und kapitalistische Warenproduktion dazu, aus den Lohnsklaven ein Maximum an Produktivkraft herauszupressen und Abhaengigkeit von der Warenproduktion zu schaffen, aber gleichzeitg auch dadurch eine gewisse Grundversorgung an Konsumguetern sicherzustellen, die der Kompensierung der Defizite dienen soll.
    Da die Frage der Hyperpolulation nicht kurzfristig, d.h. innerhalb der Zeitspanne von 1 oder 2 Generationen zu loesen ist, fuegt sich das Individuum aus Sicht des eigenen Horizontes in die Logik von Lohnarbeit, Warenproduktion und Konsum.
    So wie die Sklaven des alten Roms in ihrer Auswegslosigkeit eine eigene "Sklavenkultur" entwickelt hatten.
    Nichts anderes ist heute die Forderung nach "Recht auf Arbeit".

    (Anmerkung:
    Der Begriff "Warenproduktion" wird hier verwendet im Sinne "warenproduzierende Gesellschaft". Das meint, dass alles als Ware gehandelt wird, also den Charakter einer Ware annimmt. Beispiel: Die Menschenrechte Essen und Wohnen werden durch das System der kapitalistischen Produktionsweise nur noch als eben Waren vorgehalten, als Konsumgut, und werden somit ihres Status als Menschenrecht beraubt.)

    Harlequin

    .
     
  6. gratefulmac

    gratefulmac New Member

  7. Harlequin

    Harlequin Gast

    Schon klar, sogar noch frueher z.B. in buddhistischen und auch indianischen Traditionen.
    Ich bezog mich auf den aktuellen Diskurs.

    .
     
  8. gratefulmac

    gratefulmac New Member

    indem seit knapp hundert Jahren eine böse,uns antagonistisch gegenüberstehende, Macht den Begriff der "Überbevölkerung" belegt und diesen zentral in seine Ideologie eingebaut hat.

    deshalb bekomme ich Bauchgrimmen bei diesem Thema.
     
  9. Harlequin

    Harlequin Gast

    Grundlos. Die falsche Verwendung von Begriffen durch Verbrecher delegitimiert nicht den Begriff als solchen.
    Hitler war auch Nichtraucher, dennoch verkehre ich heute trotzdem auch mit Nichtrauchern.

    .
     
  10. gratefulmac

    gratefulmac New Member

  11. sevenm

    sevenm New Member

    Irgendwie ist mir diese Diskussion und der lange Text in diesem Jahr viel zu viel, vielleicht lese ich mir das mal im neuen Jahr durch :) Oder verpasse ich da nicht so viel?
     
  12. Harlequin

    Harlequin Gast

    Nur zu, das Thema wird uns noch die naechsten 1000 Jahre beschaeftigen . . .

    .
     
  13. macmacmac

    macmacmac New Member

    >>Recht auf Arbeit<<

    Nicht für gesunde Langzeitarbeitslose die Ihre Zeit nicht Nutzen um dem Anforderungsprofil des Marktes gerecht zu werden.

    Flexibilität in jeder Hinsicht ist der Schlüssel, welchen man manchem auf die Brust drücken sollte. Heute stellt doch der Arbeiter die Ansprüche, anstatt zu versuchen den Marktansprüchen gerecht zu werden -> daß ist das Problem.
     
  14. macmacmac

    macmacmac New Member

    ... ach noch was.

    Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden sollte man sich um seine Schlüsselqualifikationen kümmern anstatt nur Dienst nach Vorschrift zu leisten.

    Ist doch klar, daß die Wirtschaft Leute mit selbst erarbeitetem
    Engagement sucht. Jeder Arbeitnehmer kann sich UNERSETZLICH machen.

    Wer betrieblich denkt und handelt, zahlt den Preis für den er als Gegenleistung Arbeit erhält. Neben Verantwortung erhält man auch Spaß und Sinn an der Arbeit.

    Kenne da einen Typ bei McDonalds der immer freundlich lächelnd hinter der Kasse steht. Der macht "alleine durch die Freundlichkeit" seinen Job doppelt so gut, wie seine Kollegen. Es sind oft die kleinen Dinge auf die es ankommt !
     

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