"vom Grund aus bis oben hinauf gleichsam nur ein einziger Stein" ...

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von Thine, 30. Juni 2004.

  1. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    ... so sollte sie wirken, die Frauenkirche in Dresden. Als der Bau schon voll im Gange war, kam Bähr die Idee, die ursprünglich als Holzkonstruktion geplante Kuppel der Frauenkirche in Stein auszuführen. Ein kühner Gedanke, denn eine steinerne Kuppel dieser Dimension kannte man bis dato nur von den weltberühmten Bauwerken wie dem Petersdom in Rom, dem Dom in Florenz oder der Hagia Sophia in Konstantinopel. Der Kurfürst-König August der Starke war natürlich begeistert und gab Bähr grünes Licht. Aber die Kritiker waren gleich zur Stelle. Sie machten Bähr die Hölle heiß, weil man nicht glaubte, dass die Pfeiler den enormen Druck dauerhaft tragen könnten. Bähr wischte alle Bedenken beiseite, "Alles Intrige und Verschwörung!", aber die Zweifel blieben. In der 1857 erschienenen Novelle "Die letzten Tage eines sächsischen Baumeisters" hat der Unterhaltungsautor Fr. Lubojatzky den Streit um die Kuppel als dramatische Auseinandersetzung zwischen dem intriganten französischen Architekten Zacharias Loguelune und Bähr inszeniert. Ort der Handlung: das Innere der Frauenkirche, in dem die Baukommission über die Kuppelfrage berät, Zeit: 16. März 1738, wenige Stunden vor Bährs Tod. "Außer der Baucomission, an deren Spitze sich der Oberlandbaumeister Herr Longuelüne befand, hatte sich auch der Ober-Consistorial-Präsident, der Bürgermeister, der Syndikus, einige Herren vom Rathe, mehrere Maurermeister und drei Gesellen auf Begehr Herrn Bährs zur Prüfung des Baus eingefunden. Als niemand mehr zu erwarten war, hob der Oberlandbaumeister mit übelwollendem Spott an: 'Nun, Herr Rathszimmermeister, so können wir nun dazu verschreiten, Seine Klingel, die Er den Dresdenern so zu sagen vor die Nase hingepflanzt hat und von der Er uns gern überreden möchte, sie sei ein Kunstwerk, in allen Theilen zu besichtigen. (...) 'Mit Vergunst, hochzuehrende Herren, ich muß auf so bittere Schmähung antworten, wenn nicht der Grimm mir das Herz springen soll', nahm der greise Rathszimmermeister das Wort. 'Der Herr scheint nicht zu wissen, daß zwischen der Vor- und Jetztzeit eine ungeheure Kluft gefallen, daß ein Christus Mensch geworden ist und seine heilige Lehre alle Anschauungen der Menschheit verändert hat. Auf dieses Bewußtsein gründete ich die Form meiner Kirche. (...) Ja, Herr, des Luthers Wort erschien auch den Feinden des Lichts als plump und abgeschmackt, aber es ist durchgedrungen, es hat Jahrhunderte bereits überdauert trotz aller gegen dasselbe aufgestellte Gehässigkeit. Auch meine Kirche wird so Stand halten; sie ist nicht für heute und morgen, sie ist für Jahrhunderte gebaut.' Eine tiefe Stille herrschte nach dieser geharnischten Entgegnung in dem Kirchenrund; Longuelüne hatte den Verdruß zu bemerken, dass des von ihm so tief gekränkten Greises Wort von großer Wirkung auf die Anwesenden sich erwies." Longuelune, so läßt der Autor düster anklingen, habe kurz darauf in Komplizenschaft mit seinem Sohn George Bährs Tod durch einen wohlvorbereiteten Sturz vom Gerüst herbeigeführt. Dies ist natürlich Legende. Fakt ist aber in der Tat, dass Bähr an jenem Tag vom Gerüst stürzte und verstarb. Seine Kirche aber hielt stand, über Jahrhunderte, wie Bähr es prophezeite. Selbst die Bombennacht am 13. Februar 1945 überstand das Bauwerk. Erst die Feuersbrunst brachte die Kuppel am Tag darauf zum Einsturz. Bis 1992 blieb der Trümmerberg der Frauenkirche nebst zwei gespenstisch in den Himmel ragenden Fassadenteile unverändert. Das Gras wucherte über den Steinen, die Stadt kreiselte um jenen Ort, der für die Dresdner genauso bedeutend war wie das in der Stadtsilhouette Dresdens herausragende Bauwerk bis zu seiner Zerstörung. Noch in der Bombenacht suchten tausende Dresdner in der Frauenkirche Zuflucht, weil niemand sich vorstellen konnte, dass sie überhaupt zerstört werden könnte.

    1992 begann der Wiederaufbau, der von allen Dresdnern begrüßt und herbeigesehnt wurde - auch wenn es anfangs einige zweifelnde Stimmen gab. Man räumte den Trümmerberg behutsam beiseite, sicherte jeden Stein, berechnete akribisch, von welcher Stelle er stammte, um ihn möglichst genau dort wieder einsetzen zu können. Menschen aus aller Welt spendeten für den Wiederaufbau, die Baukomission hatte mit Baudirektor Burger einen fähigen Mann an der Spitze und mit Güttler einen begnadeten Initiator für die Spendenschaft. So kam es nun, dass die äußere Fertigstellung der Frauenkirche zwei Jahre früher fertig wurde als geplant und auch die Spendengelder nicht versiegten. Letzte Woche wurde in einer - in der Tat weltbewegenden - Aktion die Turmhaube per riesigem Kran aufgesetzt. Das Kuppelkreuz wurde von einem Goldschmied gefertigt, dessen Vater in der Februarnacht einen der angloamerikanischen Bomber flog.

    Gerade ist man im Begriff, das Baugerüst um der Turmhaube abzubauen. Nur noch wenige Stunden, und man kann eines der bedeutendsten Bauwerke Europas wieder in seiner vollen Schönheit betrachten. Es ist atemberaubend, wie sich dies im Stadtbild ausmacht. Von allen Himmelsrichtungen kann man wieder die wunderschöne Kuppel sehen. Ja, es ist ein Bauwerk wie aus einem Stein geschnitzt und ich beneide macixus, der ihre vollendete und fertiggestellte Schönheit früher bewundern darf als ich.
     
  2. RaMa

    RaMa New Member

    hmm sieht nicht aus wie eine frau.
     
  3. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Die steinerne Glocke der Frauenkirche und die Zitronenpresse der Dresdner Kunstakademie:
     
  4. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    So sah sie nach der Zerstörung Dresdens aus:
     
  5. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Und so zu DDR-Zeiten, im Hintergrund die Schlossruine.
     
  6. Thine

    Thine mit Eisenschwein

  7. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Wenn du mitfährst, kannst du sie 3 Sekunden später sehen. Bisschen Informationsvorsprung will ich schon haben... :bart:

    Danke für die wie immer exquisiten Ausführungen. Ich freue mich auch schon wie dZau darauf (oder sagt man sowas unter Kunstliebhabern nicht?), besonders, weil ich auch den einen oder anderen Euro gern dafür gespendet habe.
     
  8. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Der Kran hieft die tonnenschwere Turmhaube auf die Kirche:
     
  9. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Es dauerte einige Zeit, denn es war förmlich Milimeterarbeit. Die Haube ist fast so hoch wie ein Einfamilienhaus.
     
  10. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Und da ist sie wieder:
     
  11. Macci

    Macci ausgewandert.

    Heimweh?
    ;)
     
  12. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Hach, das täte ich gern. Aber die Arbeit wird mir da einen Strich durch die Rechnung machen.
     
  13. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    :D Naja, manchmal ein bissel. Wie soll man sich sonst fühlen als Sachse im preußischen Exil - grad jetzt.
     
  14. Macci

    Macci ausgewandert.

  15. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Alles eine Frage der Prioritäten... :tongue:

    Ansonsten kannst du mir ja einen Zettel mitgeben, was ich alles photographieren muss. Der hekarl trägt ja meine Ausrüstung, da kann ich unbeschwert die Frauen






    kirche geniessen. :cool:
     
  16. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Nächstanstehende Priorität ist erstmal Rheinsberg und Neuglobsow. :klimper:
     
  17. macixus

    macixus Hofrat & Traktorist

    Stimmt. Alles schön der Reihe nach. Von Neuglobsow träume ich schon, so gespannt bin ich drauf. :D
     
  18. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    Vergiss den Schnorchel nicht, macixus. Wir müssen uns erst die Fische angucken, bevor wir sie essen. Das ist ein alter Brauch. :cool:

    :D
     
  19. macKnall

    macKnall Halbtagsphilosoph

    Bravo Thine!

    Dein Essay ist ein literarisches Meisterstück.
    *vorehrfuchtverneig*
     
  20. Thine

    Thine mit Eisenschwein

    :embar: Naja, hm, *stotter*, mir scheint, das wären zu viele Blumen ...

    Aber vielen Dank, macKnall. :)


    Mich würden Deine gotteslästerlichen Lieder ja mal interessieren. ;)
     

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