Wer den Pfennig nicht ehrt ...

Dieses Thema im Forum "Small Talk" wurde erstellt von Pexx, 22. April 2003.

  1. Pexx

    Pexx New Member

    ...ist des Talers nicht wert ???

    Ja ja, wer kennt ihn nicht, diesen Sinnspruch der sparsamen Schwaben und fleißigen Trümmerfrauen? Meine Ma hat ihn mir oft genug aufgesagt, wenn ich - damals noch ganz Trotzkopf - meinen wöchentlichen Groschen wieder einmal wütend durch die Gegend schmiss, offenbar der Ansicht, eine Taschengelderhöhung sei nun mehr als überfällig und das Angebot auf Übereignung jenes Geldstücks mehr als eine Zumutung. Oder, wenn beim Bäcker bezahlt werden sollte und ein Zweipfennigstück zwischen den feuchten Fingern durchrutschte, zu Boden stürzte und leise rollend unter dem Verkaufstresen verschwand: Es brauchte nur obiger Spruch rezitiert zu werden, schon lag ich auf dem Bauch und robbte mich zwischen Kuchenkrümeln, Gesundheitsamt herbeiheischenden Küchenschabenleichen und Wollmäusen zum vermuteten Endpunkt der Rollbahn der Freiheit suchenden Münze und ließ nicht eher von der Suche ab, als bis ich ein frohes: "Hab ihn" ausposaunen konnte.

    Freilich, bei Licht betrachtet rechnete sich die Sache schon damals nicht. Meine eben frisch angezogenen Klamotten waren reif für die Wäsche, der beim Zurückkriechen gegen den Tresen gestoßene Kopf dröhnte unüberhörbar und das Schmerzensgeld in Höhe der soeben geretteten 2 Pfennig wollte zur wirksamen Tröstung nicht ganz reichern. Trotzdem: gelernt ist gelernt und sobald irgendwo das vertraute Klingeling einer fallenden Münze zu hören ist, bücke ich mich sofort in der Hoffnung auf plötzlichen Reichtum oder wenigstens, um Bekanntschaft mit einem netten Mädel zu machen. Meistens blicke ich dann aber nur in das dankbar-faltige Gesicht eines Ömchens - die jungen Frauen wissen offenbar ihr Geld festzuhalten. Das Pfadfinderherz freut sich trotzdem.

    Heute aber habe ich allen Anlass, die Streichung des besagten Sinnspruchs aus dem kollektiven Gedächtnis zu beantragen. Am Fahrkartenautomaten der U-Bahn fällt mir ein 10 Eurocentstück zu Boden, weil ich - in der Rechten die gerade gekaufte Brötchentüte haltend - mal wieder Schwierigkeiten hatte, mit der Linken die 1,45 in den Schlitz zu zirkeln. Reflexartig bücke ich mich, um das Geld aufzuheben. Dabei allerdings nicht bedenkend, dass heute Sommer ist, ich also keine Jacke trage, das Handy demnach nicht dort sondern in der Brusttasche des Hemdes untergebracht ist und - peng - daher mit klapprigem Geräuch auf die Betonfliesen scheppert. Die 10 Cent sind mir jetzt erst einmal egal, zunächst gilt es das Handy zu bergen, das sich offenbar in mehr als drei Einzelteile zerlegt hat. Sch...

    Nun muss ich noch erzählen, dass ich den Anruf eines wichtigen Kunden erwarte, das Büro einen Tag nach Ostern leider nicht besetzt ist und er mich jetzt rufumgeleitet nur über das Handy erreichen kann. Da ich das Handypuzzle nicht wieder zum Leben erwecken kann, mache ich mich auf die Suche nach einer Telefonzelle, um dem erwarteten Anruf zuvorzukommen. Erst jetzt merke ich, dass sich das Stadtbild in den letzten Jahren stark gewandelt hat und diese gelben Häuschen längst nicht mehr an jeder Ecke stehen. Genauer gesagt ist überhaupt keines zu sehen, auch kein Magentarotes. Zudem hatte ich sowieso gerade über Ostern meine Brieftasche ausgemistet und dabei meine alte Telefonkarte aussortiert, schließlich hat man heutzutage ja ein Handy... Und für die 10 Cent, die ich dann doch nicht liegen lassen konnte, wäre wohl ohnehin kein Gespräch vermittelt worden.

    Da nun aber das erwartete/zu führende Gespräch ziemlich wichtig ist, ich will (MUSS!) den Kunden schließlich halten, greife ich zum Äußersten und spreche harmlos wirkende Passanten an, ob sie mir mal eben ihr Handy... Weiter komme ich erst gar nicht. Den Blick streng geradeaus gerichtet, schnüren sie an mir vorbei, einzig im Sinn, der scheinbar von mir drohenden Gefahr zu entgehen. Nun gut, ich spüre leichte Panik in mir aufsteigen und sehe wohl nicht mehr so Vertrauen erweckend aus. Und würde ich jemandem Wildfremdem mein Handy leihen, einfach so, mitten auf der Straße? Also rein in den nächsten Lottoladen: "Könnte ich mal eben Ihr Telefon...?" "Haben Sie etwa kein Handy, junger Mann, und überhaupt, da könnte ja jeder kommen." Hm. Seitdem der Irakkrieg aus den Schlagzeilen weit gehend raus ist, sind die Menschen doch lange nicht mehr so hilfsbereit wie währenddessen. Man ist wieder auseinandergerückt.

    OK, um es kurz zu machen, ich bin dann mit dem Taxi ins Büro, obwohl ich ja schon die U-Bahnkarte gekauft hatte, aber jetzt gings es ja ums Ganze. Dort angekommen rufe ich gleich den Kunden an, der ist aber schon aus dem Haus, wie seine Sekretärin flötet. Obs stimmt oder ob er schon an die Mitbewerber gedacht hat, muss sich noch erweisen. Jetzt setze ich mich erstmal mit einem Kaffe in die Sonne, Arbeit habe ich ja gerade keine. Nicht mal für 10 Cent...

    Und dann geh ich ein neues Handy kaufen. Zeit ist schließlich Geld und Geiz äußerst ungeil!
     
  2. MacELCH

    MacELCH New Member

    Du bist echt zu bemitleiden !

    Nette Geschichte, der Killer für so diverse PDAs, Ipods etc die im Orkus landeten - wurde auch hier schonmal gepostet, mit dem realen Griff ins Klo um das ersehnte Teil noch vor dem Nirvana zu retten - aber leider zu spät, es flutschte ihm durch die Finger.

    Gruß

    MacELCH
     
  3. Pexx

    Pexx New Member

    Auf den iPod pass ich in der Regel besser auf (der blieb auch heute heil). Aber Handys ... gibt doch eh spätestens alle zwei Jahre ein neues, dachte ich so. Außerdem blieb es bisher immer ganz, habe heute wohl einen ungünstigen Winkel in Kombination mit zu hoher Fallhöhe erwischt. Bzw. war der Sturz heute der Eine zuviel.
     

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